Rote Karte für Baumgärtners Medi-Verbund

P R E S S E S C H A U

MEDICAL TRIBUNE - Die Wochenzeitung von Ärzten für ÄrzteMEDICAL TRIBUNE 28.04.2000
(35. Jahrgang Nr. 17) Seite 25

Hausarztverband warnt vor Medi-Netz

Vorsicht Schmierseife!

WIESBADEN - Die politische Liaison zwischen dem Berufsverband der Allgemeinärzte (BDA) und den Vertragsärztlichen Vereinigungen (VV) ist vorerst beendet. Die Verbände sind sich in die Haare geraten, weil die VV die Bundesregierung zur Abschaffung der KVen ermuntern. Der BDA hingegen sieht in den KVen eine Schutzburg für die bedrängten Ärzte.

Der Chef des Allgemeinarztverbandes, Professor Dr. Klaus-Dieter Kossow, und der Führer der Vertragsärztlichen Vereinigung, Dr. Werner Baumgärtner, auch ein Allgemeinarzt, schmieden fortan keine gemeinsamen Zukunftspläne mehr. Dabei liegen die Flitterwochen noch nicht einmal drei Monate zurück. Noch zwischen Weihnachten und Neujahr lebten die beiden in dem gemeinsamen Tagtraum, sie könnten mit der vereinten Kraft ihrer folgsamen Verbände dem gesamten KBV-Vorstand den Laufpass geben und ihren Getreuen die Macht in Köln zuschanzen.

Bekanntlich sahen sie anlässlich des willkommenen Rücktritts des glücklosen KBV-Vorsitzenden Dr. Winfried Schorre die Gelegenheit, bei der notwendig gewordenen außerordentlichen KBV-Vertreterversammlung Anfang Januar in Berlin Tabula rasa zu machen. An die Spitze puschen wollten sie den Marathonläufer Dr. Baumgärtner aus Nordwürttemberg und den Mann mit den größten Nehmerqualitäten beim BDA, Dr. Lothar Wittek aus Bayern.

Das Ganze ging gründlich schief: KBV-Vorstandsmitglied Dr. Manfred Richter-Reichhelm wurde von den Delegierten mit überzeugender Mehrheit zum Vorsitzenden gewählt, die übrigen Vorständler blieben allesamt an ihren angestammten Posten. Viel Lärm um nichts. Der KBV-Vorstand ist gefestigter denn je.

Strategische Freundschaft zerbrach

Nach dieser Pleite erfuhr die politisch-strategische Freundschaft zwischen BDA und Vertragsärztlichen erst einmal einen Knacks. Zum Bruch kam es dann zwei Monate später: Im so genannten Münchner Manifest erhob die Vertragsärztliche Bundesvereinigung die abenteuerliche Forderung nach Auflösung der gesetzlichen Krankenversicherung sowie der Kassenärztlichen Vereinigungen. Die Abschaffung der KVen – mit diesem Ziel konnte sich der BDA, obwohl er bisher zu den schärfsten KV-Kritikern zählt, nun wirklich nicht anfreunden. Schon gar nicht, wenn die Alternative dazu die von Dr. Baumgärtner vorangetriebenen Netzverbünde, genannt "Medi", sein sollen.

Medical Tribune hatte im vergangenen Jahr ausführlich und kritisch ( Ausgaben vom 3.9. und 15.10.1999) über die Großmannssucht-Pläne des nordwürttembergischen KV-Vorsitzenden Dr. Baumgärtner berichtet, der mit seinen Medi-Netzen eine flächendeckende Versorgung gewährleisten will und für den Fall vorsorgt, dass die KVen das Monopol am Sicherstellungsauftrag aufgeben müssen. Ein regionales KV-Vorstandsamt wäre für ihn dann nicht mehr besonders reizvoll. Der Herrscher über ein Versorgungsnetz zu sein, das sich weit über die Grenzen Nordwürttembergs hinaus ausbreiten würde, aber sehr wohl.

Blies dem ambitionierten Ärztefunktionär schon im vergangenen Jahr wegen seiner Netzpläne gewaltig der Wind ins Gesicht – schwäbische Ärzte und ihre Verbände mobilisierten Kollegen, die Presse und Rechtsanwälte gegen dessen, wie sie glaubten, Vernichtungsfeldzug gegen die Berufsfreiheit –, so bekommt es der einsame Streiter nun zu tun mit dem in Machtfragen ebenfalls sehr versierten BDA und seinem Vorsitzenden.

Der BDA hat ihm den Fehdehandschuh hingeworfen und erklärt unmissverständlich: Wir empfehlen unseren Mitgliedern, sich weiter unter dem Dach der KVen zu scharen. Denn dort kann ihnen dank der strikten Honorartrennung, wie sie die Bundesregierung seit diesem Jahr vorschreibt, fast nichts Schlimmes mehr passieren. Den Honorargewinn, den die Hausärzte damit erzielt haben, müssten sie in anderen Strukturen, also in KV-unabhängigen Netzen, erst einmal durchsetzen. Und die Medi-Verbünde nach Dr. Baumgärtners Machart seien nun wahrlich nicht dazu angetan, den Glauben an eine hausarztfreundliche Honorarpolitik zu wecken. Sollten sich dennoch BDA-Mitglieder dazu entscheiden, dem Medi-Netz beizutreten, werde der BDA auch dort die Interessen der Hausärzte mit Vehemenz vertreten.

© 2000 MEDICAL TRIBUNE (Beitrag + Foto).
Wiedergabe auf medi-report.de mit freundlicher Genehmigung durch Regine Jacobsen, Redaktion MEDICAL TRIBUNE