Rote Karte für Baumgärtners Medi-Verbund

P R E S S E S C H A U

Selecta 4 / 2000, S. 9-10 

Zoff im BDA

MEDI entzweit die Hausärzte

Die Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Nord-Württemberg gab grünes Licht für Dr. Werner Baumgärtners MEDI-Praxisverbundsystem. Der Hausärzteverband BDA schießt dagegen. Erwächst dem BDA aus dem Netze-Netz eine lästige Konkurrenz? Denn auch er will Anbieter im Einkaufsmodell sein

"Gravierende Einschränkungen seiner persönlichen Rechte" muss der Vertragsarzt hinnehmen, der sich dem MEDI-Verbund anschließt, polemisiert Dr. Manfred Schmid, Vorsitzender des BDA-Landesverbandes Baden-Württemberg, und er verkündet dies auch in einem offenen Brief an die Hausärzte in Nord-Württemberg.

Von Beschneidung des Mitbestimmungsrechts, von unbegrenzten finanziellen Verpflichtungen bei zweifelhaften wirtschaftlichen Vorteilen, ungeregelter Honorarverteilung und vielen weiteren Kritikpunkten ist die Rede im Gutachten, das vom "Zeckverband freier Ärzte Rems-Murr-Kreis" und der "Vertragsärztlichen Initiative Main-Tauber-Kreis" in Auftrag gegeben wurde – beide wohl keine Freunde der MEDI-Idee.

Allerdings ist diese Meinung schon im Hausärzteverband selbst umstritten. Zu den Widersachern in Schmids eigenem Hause gehört ausgerechnet Dr. Markus Klett, Vorsitzender des BDA-Bezirksverbandes Nord-Württemberg, der Region also, in dem der MEDI-Verbund besonders kraftvoll auftritt.

Als einer der Gründergesellschafter wehrt er sich: "Der MEDI-Verbund ist bisher der einzige Verbund, der von Ärzten für Ärzte entwickelt wurde ohne Beteiligung der Krankenkassen oder fremder Geldgeber und damit fremder Einflussnahme."

Kritikpunkt Rechtsform

Der MEDI-Verbund als Dachorganisation ist eine GmbH, die regionalen Verbünde haben die Geschäftsform einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR). In der GbR sind jedoch alle Gesellschafter persönlich haftbar, mahnt Schmid. Er erweitert sogar seine Kritik in einem Gespräch: "Wer soll die Geschäftsführer bezahlen?" Mit den Jahresbeiträgen der Ärzte sei dies bestimmt nicht möglich. Für Schmid gibt es neben den rein juristischen also auch finanzielle und zusätzlich personelle Kritikpunkte: Er kritisiert die Personalunion von KV-Vorsitz und Vorsitz der Vertragsärztlichen Vereinigung Nord-Württemberg in Person von Dr. Werner Baumgärtner.

Verquickung der Ämter?

selecta - Medizin aktuell 4/2000, S.9Pikant: Als Gesellschafter kommt man in den MEDI-Verbund nur, wenn man Mitglied in der Vertragsärztlichen Vereinigung Nord-Württemberg oder in einer entsprechenden Arbeitsgemeinschaft ist (selecta berichtete in Ausgabe 17/99).

Über diese Verquickung der Ämter gibt es viel Streit – zu oft ist der umtriebige Baumgärtner durch Ränkespiele aufgefallen. Selbst im Internet macht ein KV-Mitglied gegen das Machtstreben des Standespolitikers mobil ("Rattenfänger") – und beschäftigt Disziplinarausschuss und Rechtsanwälte.

Baumgärtner tut verwundert: VV-Vorsitz und KVNW sollten nach seiner Meinung immer bei einer Person bleiben. Er sieht den MEDI-Verbund nicht als Konkurrenz, sondern als Parallelstruktur zur KV. Weder wolle man eine Extra-Budget für die Netzärzte aushandeln, noch den Sicherstellungsauftrag an sich nehmen.

Die Vertragsärztliche Vereinigung hat viel Geld investiert: Eine halbe Million Mark wurde bisher bezahlt. Hinzu kommen zweimal 200 000 DM, verteilt über zwei Jahre, von der Apo-Bank, die über das Netzwerk DGN zum Aufbau der notwendigen EDV dienen. Aber nicht nur ein aufgerüstetes Computernetzwerk soll die Zusammenarbeit optimieren. Auch Ärzte ohne EDV-Power in der Praxis sollen teilnehmen. Mittels eines verbesserten Notdienstes und eines Katalogs, in dem festgehalten wird, wann eingewiesen wird und wann nicht, soll die Verlagerung der Leistungen in den ambulanten Sektor unterstützt werden. Davon verspricht man sich Mehreinnahmen für die teilnehmenden Niedergelassenen.

Insgesamt, betont Baumgärtner, will er vermeiden, daß es "Restärzte" gibt. Der rechtlichen Prüfung sah er schon vor deren Veröffentlichung gelassen entgegen: "Die juristischen Einwände sind lächerlich."

Wer wird Anbieter im Einkaufsmodell?

BDA-Schmid dagegen glaubt: "Das Ganze kommt nicht, weil es verfassungswidrig ist." Sein Bezirksvorsitzender in Nord-Württemberg vermutet jedoch wesentlich profanere Beweggründe hinter der Kritik, und die sind im reformierten § 73 SGB V versteckt: Dort wird der Primärarzt in der Koordinatorfunktion festgeschrieben. Genau dies begrüßt der BDA-Bundesvorsitzende Prof. Klaus-Dieter Kossow und bringt den BDA selbst als einen möglichen Anbieter bei Verwirklichung des geplanten "Einkaufsmodells" ins Spiel.

So könnte also der MEDI-Verbund zu einem bundesweiten Konkurrenten des BDA heranreifen. Unerwünscht könnte dies schon aus einem Grunde sein: "Wir halten nichts von einem Primärarztzwang", erklärt Klett. Er vermutet hinter dem Handeln des baden-württembergischen Landesvorsitzenden also die Bundespolitik.

Auch Baumgärtner sieht, daß der MEDI-Verbund kleine Netze verdrängt oder schluckt, die vom BDA unterstützt würden. Für ihn sind jedoch kleine Netze nicht praktikabel, um die Interessen aller Ärzte gegenüber den Krankenkassen zu vertreten.

Als Konsequenz will sich Baumgärtner nun in die landeseigene BDA-Politik stärker einmischen. Er ist sich sicher, daß der Streit um sein Netz personelle Konsequenzen innerhalb des BDA haben wird.

Dr. Lutz Retzlaff

Informationen

Kassenärztliche Vereinigung Nord-Württemberg, Albstadtweg 11, 70567 Stuttgart

Das Gutachten der Anwaltsssozietät Gleiss, Lutz-Hootz, Hirsch ist erhältlich (Preis: 25 Mark) bei: Ärztliche Initiativen, Danziger Platz 2, 71332 Waiblingen

MEDI-Gegner Dipl.-Psych. Dietmar G. Luchmann im Internet: http://www.medi-report.de/.

 

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Wiedergabe auf medi-report.de mit freundlicher Genehmigung durch Silvia Haouichat, Redaktion Selecta.