Rote Karte für Baumgärtners Medi-Verbund

P R E S S E S C H A U

Stuttgarter Nachrichten 24.01.2000
 

Seite 1

Datenschützer warnt vor "Gläsernen Patienten"

Stuttgart (eim) - Die im Praxisnetz Medi geplante zentrale Speicherung von Patientendaten wird vom Landesdatenschutzbeauftragten Werner Schneider kritisch betrachtet. Besonders in der so genannten Notfallzugangsberechtigung sieht er die Gefahr des Missbrauchs. Dadurch könne selbst ein ausgeklügeltes Zugriffssystem nach dem Vier-Augen-Prinzip einfach umgangen werden. Die Kassenärztliche Vereinigung, die hinter Medi steht, warnt ihrerseits vor der Datensammelwut im Zusammenhang mit der ICD-10-Codierung. (Lokales Seite 17)
 

Seite 17

Warnung vor dem "gläsernen Patienten"

Datenschützer sehen Gefahren zentraler elektronischer Krankenakten - Praxisverbund: "Das sind Peanuts"

Was zwischen Arzt und Patienten passiert, geht Dritte nichts an. Das von der Kassenärztlichen Vereinigung Nordwürttemberg mitgetragene Praxisnetz Medi plant, Patientendaten zentral zu speichern. Datenschützer haben aber grundsätzliche Bedenken.

VON KLAUS EICHMÜLLER

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) weiß um das sensible Vertrauensverhältnis zwischen Kranken und Medizinern. Unter anderem deshalb will sie zurzeit per einstweiliger Anordnung vor dem Sozialgericht Stuttgart die gesetzlich geforderte Anwendung des ICD-10-Codes zu Fall bringen. Seit Jahresbeginn müssen nämlich die niedergelassenen Ärzte die Befunde ihrer Patienten verschlüsselt an eine Zentralstelle weiterleiten. Sonst erhalten die Ärzte von den Krankenkassen keine Honorare für ihre Leistungen.

Aus mehreren Gründen lehnen die Kassenärzte diesen Zwang ab. Sie weisen nicht nur auf die Gefahr eines "gläsernen Arztes", auf "gigantische Datenmüllberge ohne medizinischen Nutzen" und auf eine "unzumutbare zusätzliche Arbeitsbelastung und Bürokratie" hin. "Darüber hinaus schafft das Ausmaß der Informationen über den Patienten, sein soziales Verhalten und sein Intimleben, die der ICD-10-Code verlangt, den 'gläsernen Patienten' und zerstört das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient", heißt es in einem Schreiben der KV.

So lautstark die KV die gesetzliche Datensammelwut anprangert, so intensiv plant sie andererseits als Mitgesellschafter des Praxisverbundsystems Medi selbst die Sammlung von Patientendaten. Zur Zeit zählt das Praxisnetz etwa 2600 Mitglieder. Bisher tauschen sie ihre Patientendaten mit Hilfe von Überweisungsbegleitformularen aus. Dr. Norbert Metke, stellvertretender KV-Vorsitzender und Geschäftsführer von Medi, schwärmt aber bereits von der Zukunft. Demnächst sollen die Daten zwischen den Ärzten per E-Mail wandern. In der Endstufe wird es die zentrale elektronische Patientenakte geben. Dabei werde die Datensicherheit, so betont Metke, ganz groß geschrieben. Man sei im ständigen Kontakt mit dem Innenministerium. "Wir lassen uns dort die Sicherheitsstandards vorgeben." Befürchtungen von Dr. Julia Nill von der Verbraucherberatung Stuttgart, durch die Vernetzung der Praxen könnten Patientendaten in falsche Hände geraten, teilt Metke nicht. Das System werde so gestaltet, dass nur der jeweils vom Patienten ausdrücklich bevollmächtigte Arzt auf Daten zurückgreifen könne. "Verglichen mit der Datensammlung ungeheuren Ausmaßes beim ICD-10-Code sind das, was wir machen, nur Peanuts."

Der Datenschutzbeauftragte des Landes sieht das allerdings deutlich anders. In seinem Jahresbericht macht Werner Schneider mit Blick auf Medi deutlich, dass er aus grundsätzlichen Erwägungen zentralen Sammlungen von Gesundheitsdaten kritisch gegenübersteht. "Nicht jeder Patient wird sich bei dem Gedanken wohl fühlen, dass jeder Arzt mit einem Blick auf den Bildschirm alles über seine zurückliegenden Besuche bei anderen Ärzten jedweder Fachrichtung erfährt." Zudem sei zu bedenken, dass solche Sammlungen, existierten sie erst, der Gefahr illegaler Nutzung unterliegen und zudem Begehrlichkeiten wecken. "Gesundheitsdaten haben in bestimmten Bereichen einen nicht zu unterschätzenden wirtschaftlichen Wert", warnt Schneider. Wenn schon zentrale elektronische Patientenakte, dann sei das Prinzip der Patientenautorisierung beim Zugriff der richtige Ansatz. Doch auch hier sieht der Datenschützer bei den so genannten Notfallzugangsberechtigungen mögliche Gefahren. In diesem Fall könne der Arzt, nach dem bisherigen Konzept, auch alleine auf Daten zugreifen. "Es fragt sich schon, was ein ausgeklügeltes Zugriffssystem nach dem Vier-Augen-Prinzip wert ist, wenn es auf einfachste Weise umgangen werden kann."

 

© 2000 Stuttgarter Nachrichten online.
Wiedergabe auf medi-report.de mit freundlicher Genehmigung durch Thomas Barth, Redaktionsleitung Online, Stuttgarter Nachrichten online.