Rote Karte für Baumgärtners Medi-Verbund

P R E S S E S C H A U

ZVW-Online 15.12.1999

Verbund freier Praxen als Alternative zu MEDI

Ärzte arbeiten zusammen, aber nicht jeder mit jedem / Ziel: mehr Wirtschaftlichkeit / Nicht den Patienten eingrenzen

Von unserem Redaktionsmitglied Andrea Wüstholz
Waiblingen.

Die Ziele sind dieselben: Der Verbund freier Praxen Nord-Württemberg will genauso wie der MEDI-Praxisverbund die Patienten wirtschaftlicher und dennoch qualitativ hochwertig versorgen. Manchem Arzt missfällt MEDI, weshalb nun der Verbund freier Praxen mit Sitz in Waiblingen in die Bresche springt.

MEDI, das ist ein Praxisverbund, der vor kurzem in Nord-Württemberg seine Arbeit aufgenommen hat. Die Ärzte sollen im Rahmen dieses Verbundes besser zusammenarbeiten. Das spart Geld, wenn zum Beispiel Doppeluntersuchungen in mehreren Praxen vermieden werden, indem die Ärzte, die dem MEDI-Praxisverbund angehören, Informationen über ihren gemeinsamen Patienten untereinander austauschen.

Nicht nur an diesem Punkt setzt die Kritik der MEDI-Gegner an. Patientendaten seien schlecht geschützt, die MEDI-Gesellschaften würden nicht demokratisch kontrolliert, Therapiemöglichkeiten der Ärzte würden durch Qualitätsstandards eingeschränkt, die freie Arztwahl sei gefährdet, wie es bereits vor einigen Wochen auf einer Pressekonferenz der MEDI-Gegner in Waiblingen hieß.

Die Kritiker haben nun reagiert und den "Verbund freier Praxen Nord-Württemberg" mit Sitz in Waiblingen gegründet (wir haben in unserem überregionalen Teil bereits kurz berichtet). "Der Verbund versteht sich als verbandsneutrale und unabhängige Dachorganisation für alle freien Praxen in Nord-Württemberg, die sich auf regionaler und überregionaler Ebene im Sinne einer engen Kooperation zusammenschließen wollen - dies vor allem auch im Blick auf die sich ändernden politischen Rahmenbedingungen", heißt es in einer Mitteilung des Verbunds, für den Dr. med. Thomas Brodrick, Internist aus Waiblingen, als Vorsitzender verantwortlich zeichnet. Als sein erster Stellvertreter amtiert Dr. med. Bernd Bornscheuer, Waiblingen, als zweiter Stellvertreter Dr. med. Peter Lindenstruth, Schorndorf. Was nicht in der Mitteilung steht, aber im Gespräch mit Brodrick und Bornscheuer deutlich wird: Der Verbund versteht sich als Alternativangebot für Ärzte, die sich MEDI nicht anschließen wollen.

Bornscheuer stellt sich den Verbund freier Praxen wie eine große Gemeinschaftspraxis vor, in der nicht einer am anderen vorbei arbeitet und in der, als Beispiel, nicht ein Patient von zwei Ärzten Tabletten verschrieben bekommt, die zwar einen anderen Namen tragen, aber dieselben Inhaltsstoffe besitzen. Ein Unterschied zu MEDI ist, dass die am Verbund beteiligten Ärzte ihre Entscheidungsfreiheit behalten und nicht in ein vorgegebenes Verwaltungskorsett gezwängt werden. Zumal bei MEDI diese Verwaltungsarbeit von der Wirtschaft gesponsert werden solle, was die Ärzte in eine Abhängigkeit von der Industrie oder von Banken bringe, wie Bornscheuer befürchtet.

Zumindest ein Großteil der Waiblinger Ärzte scheint diese Bedenken zu teilen. Fast alle Waiblinger "Schwerpunktpraxen" gehören nicht MEDI, sondern dem Verbund freier Praxen an, wie Brodrick betont. Kreisweit gehören dem MEDI Rems-Murr früheren Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung zufolge etwa die Hälfte der rund 400 niedergelassenen Ärzte an. Laut Bornscheuer haben sich dem Verbund freier Praxen in Nord-Württemberg inzwischen 100 Ärzte angeschlossen, doch bestehe der Verbund erst seit wenigen Wochen.

Da fragt sich nun der Patient zurecht, was geschieht, wenn sein Hals-Nasen-Ohren-Arzt für MEDI schwärmt, der Hausarzt sich dem Verbund freier Praxen angeschlossen hat und sein Orthopäde sich für keinen der beiden Verbünde entscheiden will. Nichts passiert, versichert Brodrick, "wir wollen nicht den Patienten eingrenzen und wir wollen keine Abgrenzung zu MEDI-Ärzten". Keineswegs würden nun nur noch Überweisungen an Ärzte im eigenen Verbund ausgeschrieben, vielmehr "muss man Gräben und Ängste innerhalb der Ärzteschaft auch abbauen".

 

© 1999 ZVW-Online.
Wiedergabe auf medi-report.de mit freundlicher Genehmigung durch Martin Winterling, Redaktion ZVW-Online.