Rote Karte für Baumgärtners Medi-Verbund

P R E S S E S C H A U

MEDICAL TRIBUNE 26.11.1999 (34. Jahrgang Nr. 47) 
Seite 18
 

Ärzte-Solidarität mißbraucht

Vom Kassen-Joch in die MEDI-Zwangsjacke

Zum Beitrag "Dr. Werner Baumgärtner will die Ärzte unter sein Kommando stellen - Angst vor einem übermächtigen KV-Boß", MT 41/99, S.38

An MEDICAL TRIBUNE

Die berechtigte Sorge um unser Gesundheitssystem und um den Fortbestand unserer Arztpraxen im Hinblick auf die Intention der Politik, den Krankenkassen einen ungeheuren Machtzuwachs zu verschaffen (siehe § 140), hat innerhalb der Ärzteschaft zu einer großen Solidarität geführt und der Idee der Ärzteverbundsysteme als conditio sine qua non zum Durchbruch verholfen.

Die meisten unserer ca. 5.500 nord-württembergischen Kollegen sind von der Notwendigkeit der Praxisnetze überzeugt, jedoch treten beim sorgfältigen Lesen der MEDI-Verträge erhebliche Bedenken und Zweifel auf, die MEDI-Verträge der VV (Vertragsärztliche Vereinigung) und KV-NW überhaupt unterschreiben zu können, da auch nach juristischer Prüfung mit entsprechenden Gutachten eine echte Mitsprache und Mitwirkung der beteiligten Ärzte nicht stattfinden in bezug auf die Entscheidungen der Wirtschafts-GmbH.

Es ist nicht einmal gesichert, daß jeder niedergelassene Kollege in das MEDI-Netz aufgenommen werden wird !!

Noch schwerwiegender wiegt bei dem Stuttgarter Modell, daß der einzelne Arzt quasi zum Angestellten einer Wirtschafts-GmbH werden kann und sogar seinen Rechtsschutz als einzelner Arzt verlieren kann. Dies zumindest erlaubt die Generalvollmacht, die der Gesellschafter für den Geschäftsführer der Wirtschafts-GmbH unterschreibt.

In den vorliegenden Verträgen bleiben Honorarverteilungsmaßstäbe, die zusätzlichen Verwaltungskosten, die Kosten für EDV etc., die jedem einzelnen entstehen, völlig unberücksichtigt.

Die definitive Beantwortung dieser Fragen ist für jede Praxis von existentieller Bedeutung, ganz abgesehen von der Frage, ob das MEDI-Konstrukt juristisch bedenklich ist, was das Gleichbehandlungsgebot der KV für Ärzte innerhalb und außerhalb des Netzes anlangt. Um flächendeckende Praxisverbundsysteme, wo immer diese auch sein mögen, aufbauen zu können, müssen alle Kollegen beteiligt werden und auch aktiv mitwirken können, damit wir alle unseren Beruf, der uns größtenteils Freude macht, auch weiterhin wie bisher ausüben können. Das MEDI-System erfüllt derzeit diese Anforderungen leider in keiner Weise.

Die derzeitige MEDI-Konstruktion läßt befürchten, daß wir von der Abhängigkeit von den Kassen in eine neue totale Abhängigkeit der Wirtschafts-GmbH Stuttgart geraten.

Dr. Urban Lanig
Allgemeinarzt
Mitglied des Fachausschusses Gesundheit Nord-Württemberg der CDU
Bad Mergentheim

 

Sind wir denn wie die Lemminge ?

Mit Dr. Baumgärtners MEDI-Netz hat auch folgender Leser Erfahrung gemacht:

An MEDICAL TRIBUNE

Ihre hochinteressante Recherche über das von der Vertragsärztlichen Vereinigung und der KV Nord-Württemberg vorangetriebene MEDI-Verbund-System war überfällig und sollte jedem aufmerksamen Kollegen Nord-Württembergs die Augen geöffnet haben, was ihn bei einer Mitgliedschaft in Zukunft erwartet. Ich habe selbst erlebt, wie in Diskussionen kritisch hinterfragende Kollegen von Dr. Baumgärtner "abgebügelt" werden und wie durch gezielte Panikmache den Kollegen suggeriert wird: "Wer zu spät kommt den bestraft das Leben." Die Gutachten der Stuttgarter Anwaltsozietät Gleiss, Lutz, Hootz, Hirsch sprechen eine eindeutige Sprache und sollten jeden Kollegen, der das Denken nicht verlernt oder - wie es leider häufig der Fall zu sein scheint - angesichts politischer Unsicherheiten schon resigniert hat, dazu bewegen, sich den alternativen Zweckverbänden anzuschließen, die sich zum Glück bereits im Rems-Murr-Kreis und im Main-Tauber-Kreis gebildet haben.

Sind wir Ärzte eigentlich alle inzwischen so desillusioniert und geistig abgestumpft, daß wir wie Lemminge machtbesessenen Anführern hinterherlaufen, die uns angeblich vor dem Untergang retten wollen, jedoch - nach den juristischen Gutachten - sicher falsche Propheten sind ! Es bleibt zu hoffen, daß die Ärzte Nord-Württembergs rechtzeitig aufwachen.

Dr. Wolfgang Sàlat
Arzt für Allgemeinmedizin
Bad Mergentheim

 

© 1999 MEDICAL TRIBUNE und die Autoren.
Wiedergabe auf medi-report.de mit freundlicher Genehmigung durch Dr. Urban Lanig und Regine Jacobsen, Redaktion MEDICAL TRIBUNE