N A C H R I C H T E N

01.06.2000

Ärzte und Experten zurückhaltend gegenüber Praxisnetzen - Medi-Verbund wird abgelehnt

Berlin (MEDI-Report) - Ärzte und Gesundheitsexperten haben sich auf dem "Gesundheitstag 2000" am Donnerstag in Berlin zurückhaltend über die Vorteile von Praxisnetzen niedergelassener Mediziner geäußert. Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) betonte dabei die Möglichkeit für bis dahin allein arbeitende Ärzte in einen ständigen Diskussionsprozess über ihre Arbeit einzutreten. Allerdings meinte Thomas Ruprecht vom Hamburger Marktforschungsinstitut Pickert: "Wir wissen einfach noch nicht, was Patienten von der Vernetzung von Praxen in einer Region haben."

Ruprecht erläuterte, nach ersten Erkenntnissen beteiligten sich Ärzte an dem Informations- und Datenaustausch hauptsächlich, um die Wirtschaftlichkeit ihrer Praxen zu erhöhen, und weniger, um die Qualität ihrer Arbeit zu verbessern. Die Ministerin forderte gleichwohl die Ärzte auf, "durch diese Tür zu gehen".

"Ärzte müssen umlernen", betonte der Internist Hans-Rüdiger Dreykluft vom Praxisnetz Berlin der Betriebskrankenkassen und der Techniker Kasse. Vor allem jüngere Patienten würden sich aktiv ihrer Krankheit zuwenden und nicht mehr alles dem Arzt überlassen. Er räumte ein, dass eine Teilnehmerzahl von 23.000 Versicherten und 600 Ärzten nach zweieinhalb Jahren Berliner Praxisnetz nicht viel sei.

Von Desinteresse bis zur offenen Ablehnung reichten die Reaktionen auf den Versuch des Berliner Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung (KÄV Berlin), Manfred Richter-Reichhelm, den aus juristischen und sachlichen Gründen breiter Kritik ausgesetzten nordwürttembergischen Medi-Verbund in der Bundeshauptstadt zu installieren. Von 7.000 niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten kamen am Montag, den 29.05.2000, gerade mal 200 zu einer Informationsveranstaltung der von Richter-Reichhelm eingesetzten Arbeitsgruppe der KÄV Berlin.

In einem Gespräch mit MEDI-Report antwortete Dreykluft auf die Frage, was er als erfahrener Netzaktivist von dem Versuch halte, Baumgärtners Medi-Verbund in Berlin zu kopieren: "Davon halte ich absolut gar nichts. Ich halte das für den falschen Weg." Unter Hinweis auf die Erfahrungen mit Praxisnetzen nennt der Internist den Versuch der KÄV, ein Netz "von oben" zu schaffen den "Tod jeder Netzidee". Man müsse sich entscheiden, ob man mit der KÄV weiter arbeiten wolle oder nicht, aber ein wirklich funktionierendes Netz "muss von unten aufgebaut werden".

© MEDI-Report: www.medi-report.de

Weitere Informationen in einer eingehenden Analyse:
MEDI-Report Nr. 2: Risiken und Nebenwirkungen des Praxisnetzes Medi-Verbund - 12.07.1999
Medical Tribune: "Das Medi-Netz ist rechtswidrig", sagt KÄV-Justiziar Prof. Dr. Kamps - 26.05.2000
Rechtswidrigkeit des Medi-Verbundes: Dienstaufsicht der KÄV NW eingeschalten - 29.05.2000