N A C H R I C H T E N

23.03.2000

Irrwitzige Psychotherapeuten arbeiten für 14,5 Pfennige je Sitzung: F.D.P.-Gesetzentwurf soll nun Praxen vor dem Ruin bewahren

Berlin (MEDI-Report) - Die Situation in der Kassenpsychotherapie ist inzwischen an einem Punkt angelangt, wo sich nicht mehr sicher unterscheiden lässt, wer der Therapie mehr bedarf - der Patient oder der Therapeut. Die jüngsten Honorarbescheide der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KÄV SH) vom 3. Quartal 1999 weisen den Psychotherapeuten für die Behandlung von Patienten der Innungskrankenkasse (IKK) und der Betriebskrankenkasse Dräger ein Stundenhonorar von 14,5 Pfennigen aus. Der makabre Irrwitz dieses Stundenhonorars liegt darin, dass es exakt ein Tausendstel jener 145,00 Mark ist, die das Bundessozialgericht (BSG) am 25.08.1999 Kassenpsychotherapeuten als angemessen "mindestens" zugestanden hat.

Diese skandalöse Honorierung findet sich ebenso auch bei anderen Krankenkassen: Die AOK Schleswig-Holstein zahlte bei einem Punktwert von einem Pfennig gerade mal 14,50 Mark - ein Zehntel der BSG-Vorgabe. In Sachsen-Anhalt gab es nach Angaben der Vereinigung der Kassenpsychotherapeuten bei der IKK nur 10,20 Mark, in Westfalen-Lippe 42,10 Mark und in Nord-Württemberg mit 50,80 Mark immer noch so wenig, dass der Berufsverband der Vertragspsychotherapeuten dazu aufrief, Therapien "auszusetzen". In vielen KÄV-Bereichen dürften die Honorare auf einem ähnlichen Niveau liegen.

"Da muss man schon einen reichen Papi haben", zitierte die Berliner Zeitung am 14.02.2000 einen angehenden Psychotherapeuten, der als Gutmensch zum Nulltarif arbeitet. Wer Papis oder seine eigene Rentenversorgung bei solcher Honorierung freilich aufgezehrt hat, der steigt auf die Barrikaden. So geht es unter Vertragsbehandlern inzwischen "zu wie im Raubtierkäfig: Ärzte und Psychotherapeuten balgen ums begrenzte Honorar", beobachtete die Medical Tribune (24.03.2000, S.28). Die Delegierten der hessischen KÄV "haben die Nase von den neuen therapeutischen 'Kollegen' so voll, dass sie einen Antrag beschlossen, der auf eins rausläuft: Die sollen gefälligst wieder verschwinden", schreibt MT.

Die strategisch-brillante Orientierung des Bewertungsausschusses zur Selbstzerstörung der kassenärztlichen Selbstverwaltung (siehe MEDI-Report Nachrichten vom 18.02.2000) wird somit taktisch überzeugend Schritt für Schritt in die Absurditäten eines sich dem Kollaps nähernden Systems umgesetzt: Und die Gruppe derer, die sich noch nicht durch das vorenthaltene Geld als Avantgardisten zum Ausstieg aus dem Kassensystem und zum Einstieg in die transparente Privatbehandlung motivieren ließ, wird am Ende politisch entsorgt.

Die F.D.P.-Bundestagsfraktion - als einzige offenbar nicht am Fortgang dieses Szenarios interessiert - beschloss, einen Gesetzentwurf zur Sicherung einer angemessenen Vergütung psychotherapeutischer Leistungen im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung einzubringen. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass durch eine in Psychotherapie investierte Mark ein Vielfaches an Kosten an anderer Stelle im Gesundheitswesen eingespart werden kann, eine Frage politischen Verantwortungsbewusstseins.

Der gesundheitspolitische Sprecher der F.D.P.-Bundestagsfraktion Dr. Dieter Thomae erläuterte hierzu:

Die Lage der psychotherapeutischen Praxen insbesondere in den neuen Bundesländern, aber nicht nur dort, ist zum Teil verheerend. Die Bundesregierung hat es bisher nicht für nötig erachtet, dieses Problem zu lösen. Stattdessen wird verkündet, es sei einzig und allein Sache der Ärzte, wie sie das, wie jeder weiß, zu knapp bemessene Budget untereinander aufteilen. Scheinbar vertraut man darauf, dass sich die Beteiligten schon untereinander zerfleischen werden. SPD und Grüne aber waschen ihre Hände in Unschuld.

Unbestreitbar ist, dass die Zahl der psychologischen Psychotherapeuten, die zur Behandlung von GKV-Patienten zugelassen worden sind, höher ist als erwartet. Dass vor diesem Hintergrund ein auf anderer Grundlage ermitteltes Budget nicht ausreicht, liegt auf der Hand. Unbestritten ist auch, dass die rot-grüne Politik mit ihrer Fortsetzung der Deckelung in allen Bereichen mitverantwortlich für den existenzgefährdenden Punktwertverfall ist. Es besteht dringender Handlungsbedarf, weil ansonsten psychotherapeutische Praxen in den Ruin getrieben werden. Vor der Wahl wurden Blütenträume versprochen. Die triste Realität sieht jetzt ganz anders aus.

Die F.D.P. hat sich entschlossen, zu handeln. Die jetzige Entwicklung ist nicht länger hinnehmbar. Wer die psychotherapeutische Versorgung durch ein eigenes Psychotherapeutengesetz stärkt, der kann nicht im Nachhinein bei mangelnder Finanzierung die Augen verschließen. Die F.D.P. bringt einen Gesetzentwurf ein, der im Kern folgendes vorsieht:

1. Genehmigungspflichtige psychotherapeutische Leistungen werden zukünftig mit festen Punktwerten vergütet. Das heißt, dass der einzelne Therapeut im Vornherein weiß, was er für eine Leistung bekommt. Es ist Sache der Vertragspartner, diesen Punktwert miteinander auszuhandeln. Dabei haben sie dafür zu sorgen, dass sich eine angemessene Vergütung ergibt, die sich an dem Durchschnittseinkommen der Ärzte orientiert. Genehmigungspflichtig bedeutet, dass diese Leistungen im Vornherein von den Krankenkassen über ein Gutachterverfahren genehmigt werden müssen. Wenn Kostenträger zugestimmt haben, dass eine Therapie medizinisch notwendig ist, muss sie auch entsprechend bezahlt werden.

2. Für das Jahr 1999 wird das Budget um einen Betrag aufgestockt, der eine leistungsgerechte Vergütung auch für diesen Zeitraum garantiert.

3. Um die finanziellen Auswirkungen einer Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung in Grenzen zu halten wird eine Zuzahlung in Höhe von 10 Mark je Therapiestunde eingeführt. Kinder und Jugendliche sind ebenso von der Zuzahlung befreit wie Geringverdiener und diejenigen, die lange Zeit in psychotherapeutischer Behandlung sein müssen. Eine solche Regelung ist in unseren Augen zumutbar, zumal Experten der Auffassung sind, dass eine Zuzahlung im Bereich der Psychotherapie dazu beitragen kann, dass die Behandlung auch zu Ende geführt wird.

4. Die unsinnige finanzielle Unterstützung von Verbraucher- und Patientenorganisationen durch die gesetzliche Krankenversicherung wird rückgängig gemacht. Stattdessen sollen Krankenkassen und Ärztekammern gemeinsam daran arbeiten, die Patientinnen und Patienten umfassend zu informieren.

Des weiteren erklärte der F.D.P.-Politiker, sollten die Arznei- und Heilmittelbudgets aufgehoben werden: "Sie führen dazu", so Thomae, "dass die Patientinnen und Patienten nicht mit den für sie am besten geeigneten Arzneimitteln versorgt werden, sondern mit den preiswertesten. Sie führen dazu, dass nicht immer das nebenwirkungsärmste Arzneimittel verordnet wird, sondern das Arzneimittel mit dem geringstem Preis. Sie führen dazu, dass chronisch Kranke keine Krankengymnastik und keine Massage mehr verordnet bekommen oder was genauso verrückt ist, ins Krankenhaus überwiesen werden, damit sie diese Leistungen erhalten. Sie führen dazu, dass Schlaganfallpatienten auf Logopädie und Ergotherapie verzichten müssen. Die Arznei- und Heilmittelbudgets führen dazu, dass der einzelne Arzt fürchten muss, mit seinem eigenen Einkommen haften zu müssen. Der Arzt wird damit zum Mangelverwalter auf dem Rücken seiner Patienten abqualifiziert." Die Behauptung, es gäbe zu viele unwirksame Arzneimittel, die verordnet werden, helfe da nicht weiter. Die Bevölkerung habe mittlerweile erkannt, dass es nicht böser Wille der Ärzte ist, wenn sie bestimmte Leistungen nicht mehr verordnen, sondern dass das zwangsläufiges Ergebnis der Ausgabendeckelung dieser rot-grünen Bundesregierung ist, sagte Thomae.

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