N A C H R I C H T E N

15.01.2000

Kassenärzte haben gewählt: Berliner Urologe Manfred Richter-Reichhelm ist neuer Bundesvorsitzender

Berlin (MEDI-Report) - Der Berliner Urologe Dr. Manfred Richter-Reichhelm ist neuer Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KÄBV) und damit oberster Vertreter Dr.med. Manfred Richter-Reichhelm (© KÄBV)der rund 120.000 deutschen Kassenärzte und Kassenpsychotherapeuten. Bei einer Sondertagung wählten die KÄBV-Vertreter den 57-jährigen am Samstag in Berlin mit klarer Mehrheit in das Spitzenamt. Richter-Reichhelm erhielt 79 von 109 abgegebenen Stimmen. Er löst den bisherigen KÄBV-Vorsitzenden Winfried Schorre ab, der Anfang Dezember aus familiären Gründen vorzeitig zurückgetreten war.

Seit 1997 gehört Richter-Reichhelm dem KÄBV-Vorstand an. Dort übernahm er jeweils in einer "Tandemlösung" mit einem anderen Kollegen die Aufgabenschwerpunkte Honorar, Labor und neue Bundesländer. Mitglied der Vertreterversammlung der KÄBV wurde er bereits im Jahre 1985. Seit 1987 ist Richter-Reichhelm auch Zweiter Bundesvorsitzender des Berufsverbands der Deutschen Urologen. Richter-Reichhelm, der als Vorsitzender ebenfalls der Kassenärztlichen Vereinigung (KÄV) Berlin vorsteht, ist gleichwohl in der breiten Öffentlichkeit noch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Das dürfte sich schnell ändern. Als neu gewähltem obersten Vertreter der 120.000 Vertragsbehandler der Krankenkassen steht Gesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) mit ihm ein streitbarer Gegner ins Haus.

Gleich zum Amtsantritt kündigte der Kassenärzte-Chef eine härtere Gangart gegen ihre Gesundheitspolitik an: "Die Schmerzgrenze ist da." Dabei scheut sich Richter-Reichhelm nicht, auch an Tabus zu rütteln. Offen drohte er Rot-Grün bereits mit "Kampfmaßnahmen" gegen die anhaltende Ausgabenbegrenzung bei Honoraren und Arzneien. Ihm schweben lokal begrenzte Ärztestreiks vor. Denkbar sei, dass die Kassenärzte zum Beispiel in "Berlin-Mitte" für einen Tag oder länger ihre Praxen schließen. Kranke müssten dann in benachbarte Stadtteile ausweichen.

Die Techniker Krankenkasse drohte den Ärzten mit einer Klage, falls sie streikten. Streiks von Ärzten wären ein Rechtsbruch, sagte TKK-Vorstand Norbert Klusen in der "Welt am Sonntag".

Auch der begeisterte Hobbykoch, der mit einer Dänin verheiratet ist und drei erwachsene Kinder hat, weiß aber: Es wird nicht so heiß gegessen wie gekocht wird. Die scharfen Töne dürften zumindest zum Teil dem innerärztlichen Wahlkampf geschuldet sein. Ihm steht nun ein schwieriger Spagat zwischen Dialog und Konflikt mit der rot-grünen Regierung bevor.

Er wird zwar dem gemäßigten Flügel der Ärzteschaft zugerechnet und will den Kurs seines Vorgängers im Grundsatz fortsetzen. Dabei dürfte er aber den Konflikt mit der Politik aggressiver und entschiedener austragen. Ausdrücklich bot Richter-Reichhelm allen Parteien Gespräche an. Wohl mit Blick auf Scharfmacher in den eigenen Reihen betonte der Klassik-Fan bei einem Wortgetöse: "Wir sind keine Rowdys." Die Kassenärzte würden ihre Ziele jetzt allerdings offensiver vertreten und ihre Schmerzgrenze klarer abstecken: "Bis hierhin und nicht weiter." Notfalls müssten sie auch kampfbereit sein.

Als ersten Schritt nannte Richter-Reichhelm, dass Ärzte Leistungen verweigern, wenn das Geld nicht mehr reiche. Dabei müsse jeder Arzt in der Praxis entscheiden, welche Leistungen er nicht mehr erbringen könne. Zugleich will er die Direktabrechnung zwischen Arzt und Patient stärker thematisieren. Von Aktionen der Ärzte in den Sprechzimmern rückte Richter- Reichhelm dagegen ab. Er glaube, dass viele Kranke bei der Behandlung verständlicherweise nicht offen für die Budgetproblematik seien. Stattdessen kündigte er eigene Berechnungen der Kassenärzte an, wie viel Geld für die Krankenversorgung notwendig ist.

Als neuer Beisitzer wurde der 49jährige Hausarzt Dr. Leonhard Hansen gewählt. Er ist seit dem 12.01.2000 Erster Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein.

Das knallharte Machtstreben des Vorsitzenden der KÄV Nord-Württemberg, Dr. Werner Baumgärtner, der sich ständig ins Gespräch brachte (siehe Nachrichten 14.01.2000), und dessen aggressiver Stil sich eher durch Horrorvisionen als durch intelligente Lösungen auszeichnete, fand wenig Anklang.

Foto: © 2000 KÄBV