N A C H R I C H T E N

04.12.1999

"Überraschend": KÄBV-Vorsitzender Dr. Winfried Schorre zurückgetreten

Köln (MEDI-Report) - Dr. med. Winfried Schorre (58), der die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KÄBV) seit 1993 führte, hat vor den überraschten 110 Delegierten der KÄBV-Vertreterversammlung am Abend des 04.12.1999 seinen Rücktritt von allen Ämtern erklärt. "Ausschließlich persönliche Gründe" hätten ihn hierzu bewogen, begründete er seinen Schritt.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung teilte in einer Presseerklärung mit, die Geschäfte würden satzungsgemäß vom stellvertretenden Vorsitzenden, dem Allgemeinarzt Dr. med. Eckhard Weisner (62) aus dem schleswig-holsteinischen Preetz, fortgeführt, der seit 1989 Mitglied des KÄBV-Vorstands ist und im März 1997 zum 2. Vorsitzenden der KÄBV sowie im März 1998 zum Präsidenten der Ärztekammer Schleswig-Holstein gewählt wurde.

Den Vorsitz der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, dessen Vorstand Schorre seit 1989 angehörte, übernimmt zunächst sein dortiger Stellvertreter Dr. med. Leonhard Hansen.

Schorre erklärte, er strebe keine neuen Aufgaben und Ämter mehr an, weder in der Berufs- noch in der Gesundheitspolitik. Der Grund zur Niederlegung seiner Ämter seien familiäre Probleme und die Inanspruchnahme durch Krankheitsfälle, hieß es.

Vor den Delegierten hatte Schorre zuvor am Vormittag in einer kämpferischen und mit Beifall bedachten Rede die Gesundheitspolitik der rot-grünen Regierungskoalition heftig kritisiert. Er kündigte einen harten Widerstand gegen die Gesundheitsreform 2000 an, der alle rechtlichen Möglichkeiten gegen eine Fortsetzung der rot-grünen Budgetierungspolitik ausschöpfen werde, insbesondere soweit es die Arznei- und Heilmittel-Budgets und das unzureichende Ausgangsbudget für die Psychotherapie betreffe. "Wir werden deswegen auch im Jahre 2000 das Schiedsamt für nahezu alle nach dem neuen Gesetz erforderlichen Vertragsabschlüsse bemühen müssen", prognostizierte Schorre. Die Regierungskoalition bereite hektisch eine zustimmungsfreie Gesetzesvorlage vor, die "koste es was es wolle" zum ersten Januar kommenden Jahres in Kraft treten solle, sagte Schorre. "Es ist nur eine konsequente Fortsetzung dieser Politik, wenn jetzt in dem Vermittlungsvorschlag die Kassenärztlichen Vereinigungen völlig aus der Mitwirkung beim Abschluss von Integrationsverträgen ausgeschlossen werden sollen."

Von Schorres Rücktritt am Ende dieses Versammlungstages war nach eigenen Angaben selbst der KÄBV-Vorstand "total überrascht".

Vor einem knappen Vierteljahr war der geschickte Psychiater und Neurologe Schorre in seinem Bemühen, die Gesundheitsministerin Fischer in die Budget-Verantwortung der Kassenärzte einzubinden, vom nord-württembergischen KÄV-Vorsitzenden Dr. Werner Baumgärtner durch dessen öffentlich gemachten dreiseitigen Brief in einem von Beobachtern als beispiellos töricht beurteilten Spätsommertheater als politischer Lehrling verunglimpft und die KÄBV als politisch ernstzunehmende Institution beschädigt worden. Die KÄBV "hat einen Vorsitzenden, der nicht politisch handeln kann und keine politische Strategie entwickeln kann. Frau Ministerin Fischer mag Ihnen vom Sachverstand her unterlegen sein, politisch sind Sie ihr Lehrling", heißt es in Baumgärtner's Schreiben.

"Die Mediziner kritisieren ihn, weil er zwar wie gewünscht mit der Ministerin verhandelt hat, der erzielte Kompromiss ihnen aber nicht passt, weil ihnen in Wahrheit keiner passt", schrieb die Süddeutsche Zeitung am 25.09.1999. Das politische Eigentor, das die KÄV-Länderchefs mit der "Abstrafung" der KÄBV durch ihre öffentliche Missbilligung des KÄBV-Vorstandes in ihrer Sitzung am 09.09.1999 schossen, bringt dieser Kommentar (hg) aus der Süddeutschen Zeitung vom 23.09.1999 auf den Punkt:

"Andrea Fischer wird den Dialog mit den Kassenärzten abbrechen, mit Wortbrüchigen will sie nicht mehr über ihre Reform reden. Man kann der grünen Gesundheitsministerin nur schwer widersprechen. Die Mehrheit der Ärztefunktionäre in den Ländern haben einen politischen Kunstfehler begangen, an dessen Folgen sie noch lange herumdoktern werden. Sie haben bar jeder Vernunft alle bisherigen Verhandlungserfolge geopfert, ihre Spitzenfunktionäre im innerärztlichen Streit diskreditiert und die Vereinbarungen mit dem Ministerium und den Kassen gebrochen. Das unselige Notprogramm holen sie wieder aus der Schublade. Sie agieren nach der Devise 'alles oder nichts', koste es die Patienten, was es wolle.

Die Ärztechefs der Länder sehen und hören offenbar nichts, schon gar nicht die wichtigen Kompromisse der vergangenen Wochen. Das Programm, auf das sich Kassenärztliche Bundesvereinigung, Kassen und Ministerin zur Einhaltung des Budgets geeinigt haben, war ein Erfolg: Alle, auch die Politiker, wollten Verantwortung für die sparsame Verteilung der begrenzten Geldmittel übernehmen. Der unsinnige Regress gegen alle Kassenärzte war auf dem Prüfstand. Im Streit über das Globalbudget schienen ärztliche Argumente zu siegen. Überlegt wurde, die Sachverständigen im Gesundheitswesen entscheiden zu lassen, ob das Budget, falls notwendig, aus medizinischen Gründen erhöht wird. Die Diskussion war also auf einem guten Weg.

Das ist vorbei, wenn und solange die Ärztechefs der Länder bei ihrem Konfrontationskurs bleiben, also nur demonstriert und nicht mehr geredet wird. Die negativen Folgen der Reform gehen dann aber auch zu ihren Lasten."

"Total", wie es aus dem KÄBV-Vorstand hieß, braucht Schorres Rücktritt deshalb niemand zu überraschen. Die rüden Umgangsformen seiner eigenen Kollegen, die ihn desavouierten, können auch einem Mann mit ausgewiesenen Steherqualitäten auf Dauer die Lust nehmen, diese Kassenärzte weiterhin zu führen.

Der KÄBV-Vorstand hat unterdessen dem ersten Beisitzer der KÄBV und Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin, dem Urologen Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm (57), seine Unterstützung bekundet und ihn gebeten, bei der für den 15.01.2000 anberaumten außerordentlichen Vertreterversammlung für den Vorsitz der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zu kandidieren. Richter-Reichhelm gilt in der zerstrittenen Vertragsärzteschaft als integrierende Kraft mit Realitätssinn.

Lesen Sie  hier den MEDI-Report Nr. 5 vom 08.09.1999 zu Baumgärtners bedenklichen Ambitionen auf Schorres Stuhl.