Rote Karte für Baumgärtners Medi-Verbund

M E D I - R E P O R T S

MEDI-Report Nr. 7 vom 24.09.1999

Seine Vergangenheit holt Baumgärtner ein:
"Die Plattmacher"

Von Dietmar G. Luchmann


Der deutsche Psychotherapie-Server griff im Januar 1998 einen Skandal auf, den der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nord-Württemberg (KÄV NW), Dr. med. Werner Baumgärtner, ausgelöst hatte. Einer ärztlichen Psychotherapeutin, der sein zum 01.07.1997 eingeführter Honorarverteilungsmaßstab (HVM) mit seiner unrechtmäßigen Fallzahlzuwachsbegrenzung über 88 Prozent ihres Psychotherapie-Honorars strich, schrieb er kaltschnäuzig, "Daß es auch hier Gewinner und Verlierer gibt, muß ich Ihnen nicht erklären". Dieser Bericht auf www.psychotherapie.de wurde von anderen Servern übernommen, zum Beispiel dem der Landeskonferenz der Richtlinienpsychotherapeuten Nordrhein e.V. Deren Webmaster, der Düsseldorfer Facharzt für Psychotherapeutische Medizin Dr. med. Hubert Pohnke, stellte die Berichterstattung auf den Server der Landeskonferenz der Richtlinienpsychotherapeuten Nordrhein e.V., damit Kollegen und Besucher "auf diesem Wege die eigenartigen Denkwege ... selbst beurteilen können", die KÄV-Funktionäre gehen. Viele eMails an redaktion@psychotherapie.de signalisierten Sympathie und Ermutigung. Kolleginnen und Kollegen fanden ihre Arbeits- und Lebenssituation realistisch widergespiegelt, zum Beispiel Dr. med. Bernd Paulus:

"Lieber Herr Kollege Luchmann, ich finde Ihre neu aufgemachte Seite ganz ausgezeichnet, insbesondere inhaltlich hat sie's in sich! Zu Ihren mutigen Stellungnahmen (z.B. "Die Plattmacher") möchte ich Ihnen gerade in diesen schweren Zeiten ausdrücklich gratulieren. Ich selbst bin seit 20 Jahren hier in Neuwied als Allgemeinarzt niedergelassen und seit 8 Jahren auch zunehmend psychotherapeutisch (mit Zusatzbezeichnung Psychotherapie) tätig. Derzeit erwäge ich ernsthaft, meine Kassenzulassung ruhen zu lassen, um mich noch mehr den Therapiemöglichkeiten im Selbstzahlerbereich (Hypno-Psychotherapie, Naturheilkunde, Akupunktur, Neuraltherapie) zuwenden zu können. Bis dahin versuche ich im hiesigen Beratenden Fachausschuß für Psychotherapie (KV Koblenz), als lokaler Repräsentant der AÄGP und in einer recht agilen Arbeitgemeinschaft von Vertragspsychotherapeuten das bestmögliche für uns "Psychos" im Sinne der Integration und auch bzgl. der "Monetik" zu erreichen - bei eher trüben Aussichten."

Dank mutiger Vertragsbehandler und der deutschen Rechtsprechung haben sich die Aussichten etwas aufgehellt. Inzwischen hat das Sozialgericht Stuttgart am 24.11.1998 in der Sache S10 KA 2591/98 ein Urteil verkündet und den Versuch der Kassenärztlichen Vereinigung Nord-Württemberg, mit dem HVM-Trick einer rechtswidrigen Fallzahlzuwachsregelung vor allem jungen KÄV-Mitgliedern Honorar vorzuenthalten, gekippt: "Die Beklagte [KÄV NW] wird verpflichtet, über die Frage der Fallzahlzuwachsbegrenzung unter Beachtung der Rechtsauffassung des Gerichts erneut zu entscheiden". Daraufhin setzte die Vertreterversammlung der KÄV NW zum 31.12.1998 den rechtlich unzulässigen HVM aus.

Urteil des Sozialgerichtes Stuttgart S10KA2591-98 vom 24.11.1998

Auch das Bundessozialgericht (BSG) entschied am 25.08.1999 in den Sachen B6 KA 14/98R und B6 KA 17/98R, dass die Besonderheit psychotherapeutischer Leistungen (Antrags- und Genehmigungspflicht, Zeitgebundenheit der Leistungen), wie auch im Kommentar "Die Plattmacher" ausgeführt, bei der Honorarverteilung berücksichtigt werden muss. Damit ist erstmals höchstrichterlich festgestellt worden, dass für Psychotherapeuten ein Mindesthonorar von 145,00 DM gerechtfertigt ist.

Im einzelnen heißt es in der Pressemitteilung Nr. 59/99 des BSG vom 26.08.1999:

"Aus dem sich aus dem Gleichbehandlungsgebot des Art. 3 Abs. 1 GG ergebenden Grundsatz der Honorarverteilungsgerechtigkeit folgt eine Verpflichtung der KÄV, den Vergütungspunktwert für die zeitgebundenen und genehmigungsbedürftigen Leistungen der sog. großen Psychotherapie nach Abschnitt G IV des EBM bei solchen Ärzten zu stützen, die fast ausschließlich, d.h. zu mindestens 90 %, Leistungen nach Abschnitt G IV erbringen. Die Stützungsverpflichtung setzt dann ein, wenn der für die Honorarverteilung maßgebende Vergütungspunktwert unter den kalkulatorischen Punktwert in Höhe von 10 Pf, der den Leistungsbewertungen des EBM zugrunde lag, nicht nur kurzfristig und nicht nur geringfügig sinkt. Die Verpflichtung beruht darauf, daß die Gruppe der ausschließlich psychotherapeutisch tätigen Ärzte wegen der Zeitgebundenheit und Genehmigungsbedürftigkeit der psychotherapeutischen Leistungen des Abschnitts G IV EBM durch ein Absinken des Vergütungspunktwertes besonders betroffen ist, weil sie einen Punktwertverfall - im Gegensatz zu allen anderen Arztgruppen - nicht durch eine Steigerung des Leistungsumfangs zumindest teilweise ausgleichen kann."

Leider hat sich weder die KÄV NW noch deren Vorsitzender des Vorstands bislang bei der in derart skandalöser Weise behandelten Fachärztin entschuldigt. Vielmehr hielten die Herren Baumgärtner und Metke es für angemessen, gegen Dietmar G. Luchmann wegen dieser Berichterstattung am 14.07.1999 ein Disziplinarverfahren der KÄV NW einzuleiten. Dies ist ein ausgezeichnetes Beispiel für Werner Baumgärtners und Nobert Metkes Verständnis verfassungsmäßiger Grundrechte.

So wird dieser gesamte Vorgang, der im Rahmen der Aktualisierung des deutschen Psychotherapie-Servers schon für das Archiv vorgesehen war, als Reprint zur Information von Kolleginnen und Kollegen sowie der Öffentlichkeit bei der Vorbereitung dieses vom Vorstand der KÄV NW  Disziplinarverfahrens nachfolgend hier wiedergegeben. Vielleicht lernen Baumgärtner und Metke noch, dass sie nur Vorstandsvorsitzende auf Zeit sind und im Zeitalter des Internet kein Informationsmonopol mehr besitzen.


Reprint [Stand: Kommentar 27.01.1998 / Ergänzung 05.03.1999]

Der Honorar-Skandal
der Kassenärztlichen Vereinigung Nord-Württemberg (KÄV NW)

Jeder ordentliche und geistig gesunde Kaufmann, liebe Leserin und lieber Leser, würde Sie auslachen und abwinken, wenn Sie ihm im Gegenzug für seine Dienstleistung kein Geld, sondern lediglich Punkte anbieten, deren Wert Sie ihm erst ein halbes Jahr später kundtun wollten. Nun, alle Kassenärztinnen und -ärzte in Deutschland arbeiten in der Tat für Punkte und wissen zum Zeitpunkt ihres ärztlichen Helfens tatsächlich nicht, wie viel Deutsche Mark oder Euro sie für ihre Dienstleistung am Ende erhalten. Das ist den meisten Patienten völlig unbekannt. Zum Beispiel erhält eine Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut für eine 50-minütige psychotherapeutische Behandlung von den Krankenkassen 1.450 Punkte. Diese Punkte sind jedoch nur soviel wert wie der Punktwert zum Leistungszeitpunkt. Dieser Punktwert lag 1994 bei 10 bis 11 Pfennig und ist inzwischen um teilweise 50 Prozent gefallen. Soll man in Anbetracht dieses Umstandes, dass Ärztinnen und Ärzte Kassenversicherte noch immer für Punkte behandeln, davon sprechen, dass diese Ärztinnen und Ärzte verrückt sind ?

Der Kolumnist der Ärzte-Zeitung, Dr. Ludger Beyerle, schrieb am 04.03.1999 [S. 25]: "Von der schamlosen Ausnutzung des fast pathologischen Helfersyndroms vieler Ärzte ... leben Politiker und Krankenkassen gut und offenbar ungestört." Umso skandalöser ist es, wenn Funktionäre der Ärzteschaft vor diesem Hintergrund versuchen, mit rechtlich unhaltbaren und willkürlichen Honorarverteilungen auf Kosten ärztlicher Minderheiten wie zum Beispiel der Gruppe der Psychotherapeuten ihre eigenen Felle zu retten.

Das hier dokumentierte Geschehen einer beispiellos willkürlichen Honorarverteilung und Vergewaltigung des Rechtssystems durch die Kassenärztliche Vereinigung Nord-Württemberg unter ihrem Vorsitzenden Dr. med. Werner Baumgärtner spiegelt einen Machtkampf und eine Weltsicht ärztlicher Funktionäre wider, bei dem sowohl Kollegialprinzipien als auch Ethikgrundsätze völlig auf der Strecke bleiben - und mit ihnen der Patient. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. med. Winfried Schorre, erklärte in einem Interview in den Stuttgarter Nachrichten vom 16.06.1998: "In der Vergangenheit ist manches gemacht worden, was medizinisch nicht unbedingt nötig war. Das muß man ganz offen einräumen. Das bisherige Honorarsystem enthält falsche Anreize."

Diese Zusammenhänge sind in dem nachfolgend wiedergegebenen  Kommentar "Die Plattmacher" von Dietmar G. Luchmann transparent gemacht worden: "Als Allgemeinarzt weiß Herr Dr. Baumgärtner sehr wohl, dass etwa die Hälfte der Patienten einer allgemeinärztlichen Praxis unter psychosomatischen und psychischen Störungen leidet. Für einen beträchtlichen Teil dieser Patienten stehen heute bereits effektive psychotherapeutische Methoden zur Verfügung, die die psychosomatischen und psychischen Störungen dieser Patienten entweder beseitigen oder erheblich mindern können. Insofern ist es gesellschaftlich außerordentlich wünschenswert, diese psychotherapeutischen Methoden unbedingt - und unbudgetiert - wirksam werden zu lassen. Dem steht nur der Widerstand all derer entgegen, die diese Störungen ungeachtet des medizinischen und therapeutischen Fortschritts wie vor 20 Jahren unnötig mit Tabletten, Tropfen und apparativen und Mehrfachuntersuchungen zu behandeln trachten und damit beträchtliche Teile der Gesamtvergütung unwirtschaftlich aufzehren." Entsprechend kam auch der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. med. Winfried Schorre, in dem Interview in den Stuttgarter Nachrichten vom 16.06.1998 nicht umhin einzugestehen: "die Haltung des nordwürttembergischen Kollegen Baumgärtner halte ich für verantwortungslos."

Gehen wir zum Ausgangspunkt des Skandals:

01.07.1997: Die Vertreterversammlung der KÄV NW beschließt unter der Führung des Vorsitzenden Dr.med. Werner Baumgärtner zum 01.07.1997 einen Honorarverteilungsmaßstab, mit dem Psychotherapeuten und jungen Vertragsärzten ab dem 3. Quartal 1997 teilweise weit über 80 Prozent (in Worten: achtzig Prozent) ihres Honorars gekürzt werden, um den Punktwert für die gestandenen Vertragsärzte zu verbessern. Ein Beispiel der solchermaßen von dem KÄV NW-Vorstand um ihre ärztliche Arbeitsleistung betrogenen Kassenärztinnen und -ärzte ist die Stuttgarter Neurologin und Psychotherapeutin Carmen Heerdegen, deren Gesamthonorarabrechnung vom 3. Quartal 1997 der KÄV NW hier beispielhaft wiedergegeben wird.

19.01.1998: Die Fachärztin und Psychotherapeutin Heerdegen empfängt ihre Gesamthonorarabrechnung der KÄV NW für das 3. Quartal 1997.

Gesamthonorarabrechnung für das 3. Quartal 1997 (Punkte)

Abb.1. Unglaublich: 88 Prozent der Psychotherapieleistungen bei Kassenpatienten werden nicht vergütet. Zum Anschauen und Empören: Honorarabrechnung der KÄV NW für das Quartal 03/1997 vom 12.01.1998 [Blatt 1] - farbige Erläuterung und Hervorhebung von der Redaktion

Gesamthonorarabrechnung für das 3. Quartal 1997 (in DM)

Abb.2. Schamlos ausgenutzt: Das Kassenhonorar zum Betrieb einer Praxis mit allen Betriebskosten in der Höhe eines Angestellten-Lohnes. Zum Anschauen und Erröten: Honorarabrechnung der KÄV NW für das Quartal 03/1997 vom 12.01.1998 [Blatt 2]

20.01.1998: Gegen diesen Akt einer skandalösen Streichungsorgie der Kassenärztlichen Vereinigung Nord-Württemberg bei psychotherapeutischen Leistungen beauftragte die betroffene Kassenärztin Carmen Heerdegen ihren Kollegen Dietmar G. Luchmann, in Ihrem Namen mit Schreiben vom 20.01.1998 Widerspruch gegen ihre Gesamthonorarabrechnung einzulegen [nachfolgend Wortlaut]:

Dietmar G. Luchmann

nur FAX 7875-274

Kassenärztliche Vereinigung Nordwürttemberg
z.H. Herrn Dr. Baumgärtner
Postfach 80 06 08
70506 Stuttgart  

DGL-ww-20.01.1998

Beschwerde und Widerspruch
gegen Ihre Gesamthonorarabrechnung des 3. Quartals vom 19.01.98 bei Frau Carmen Heerdegen, Neurologin und Psychotherapeutin, KÄV-Nr. 6138604/01

(mit Fristsetzung zur Abhilfe der Beschwerde bis 27.01.1998)

Sehr geehrter Herr Baumgärtner,

aufgrund der Erkrankung der Kollegin Carmen Heerdegen, Fachärztin für Neurologie, Psychotherapie und Naturheilverfahren, bin ich von ihr bevollmächtigt, Widerspruch gegen ihre Gesamt-Honorarabrechnung des dritten Quartals 1997 einzulegen, die heute bei ihr eingegangen ist.

In der Anlage zur Leistungsübersicht der Berechnung des Praxisbudgets teilen Sie ihr unter Punkt 2.3 lapidar mit, dass sie bei den freien Leistungen ein angebliches „Budget" von 41.742,80 Punkten habe. Ihre „Anforderung" habe 349.500,00 Punkte betragen. Vergütet wurden ihr lediglich die ihr von Ihnen nicht nachvollziehbar willkürlich zugebilligten 41.742,80 Punkte, das sind 307.757,20 Punkte weniger als psychotherapeutische Leistungen erbracht wurden. Dies entspricht einem fehlenden psychotherapeutischen Leistungsentgelt von über 25.000,00 DM im 3. Quartal 1998 !

Diese freien Leistungen umfassen bei Frau Heerdegen die EBM-Ziffern 860, 861, 881 und 881D, also ausschließlich psychotherapeutische Leistungen, die sie in der für die Psychotherapie vorgegebenen Zeit bei ihren Patienten erbracht hat. Es ist gelinde gesagt sehr verwunderlich, dass sie ihr für diese Leistungen ein Budget vorgeben, obwohl sie ihre Zulassung zur Psychotherapie erst 1997 erhalten hat. Wie vereinbaren Sie Ihr Vorgehen mit dem von der Vertreterversammlung der KÄV NW am 19.03.1997 beschlossenem und ab 01.07.1997 geltenden Honorarverteilungsmaßstab der KÄV NW, in dem es auf Seite 6 unter den Überschriften „Extra-Topf für rote Leistungen" und „Individuelle Budgetierung" heißt:

„Für die budgetierten Arztgruppen werden in einem weiteren Honorartopf sämtliche nicht von den Praxisbudgets betroffenen Leistungen, also die sogenannten freien Leistungen (oder auch rote Leistungen) zusammengefasst. Eine weitere Unterteilung nach den jeweiligen budgetierten Fachgruppen erfolgt hier nicht, weil in diesem Honorartopf eine individuelle Form der Budgetierung realisiert wird:

Auf der Basis seiner durchschnittlichen Punkte je Fall aus den vier Quartalen des Jahres 1996 wird für jeden Arzt eine individuelle Punktzahl pro Fall vorgegeben, die nach der Multiplikation der Fälle aus den Abrechnungsquartalen ab dem 1. Juli dieses Jahres das individuelle Punktzahlkontingent für die sogenannten freien Leistungen angibt..." ?

Auch handelt es sich um eine völlig an der Realität vorbeigehende Willkürmaßnahme und einen strikten Verstoß gegen den Honorarverteilungsmaßstab für den Fall, dass sie die erbrachten psychotherapeutischen Leistungen mit dem Fachgruppendurchschnitt der Neurologen verglichen haben sollten. Die Psychotherapie ist eine Zusatzbezeichnung unabhängig vom Facharzttitel und kann deshalb auch nicht mit der Fachgruppe der Neurologen verglichen werden. Oder vergleichen sie auch den Gynäkologen oder Hautarzt, der psychotherapeutische Leistungen erbringt, mit seinem Fachgruppendurchschnitt der Gynäkologen oder Hautärzte ? Selbst wenn sie die Kollegin Heerdegen mit der Fachgruppe der Psychotherapeuten verglichen haben sollten, erklären Sie bitte, wie sich daraus ein Budget von 41.742,80 Punkten errechnet. Das hieße, dass Sie einem Psychotherapeuten ein Honorar von nicht mehr als 5.000 DM in einem Quartal zubilligen. Und dass Frau Heerdegen sich erst im März 1995 als Vertragsärztin niedergelassen hat und damit ohnehin nicht mit ihren Vorjahreswerten verglichen werden kann, sollte Ihnen bekannt sein.

Die zugesandte Gesamthonorarabrechnung des dritten Quartals 1997 ist durch die von der KÄV vorgenommene willkürliche Streichung fast der gesamten von Frau Heerdegen erbrachten psychotherapeutischen Leistungen (41.742,80 bezahlte versus 349.500,00 erbrachte Punkte) als eine offensive Diskriminierung psychotherapeutischer Leistungen zu interpretieren. Die Psychotherapie scheint somit für die Mitarbeiter der KÄV inzwischen nicht mehr nur noch eine Leistung zu sein, die nicht nur gering genug sondern inzwischen überhaupt nicht mehr honoriert zu werden braucht. Ihr skandalöses Vorgehen, mit einer erkennbar abwegigen und völlig realitätsfernen individuellen Budgetfestlegung der Kollegin Heerdegen bei ihrer ohnehin unter dem Fachgruppendurchschnitt liegenden Leistungsanforderung fast die Hälfte ihres erarbeiteten Honorars vorzuenthalten, ist so nicht mehr hinzunehmen. Ich denke, dass es kaum einen Patienten von Frau Heerdegen oder einen unbefangenen Beobachter gibt, der diesen Akt Ihres Hauses nicht als Frechheit bewertet.

Sollte dieser von Ihnen und den Mitarbeitern Ihres Hauses zu verantwortende Fehler bei der Verweigerung der Bezahlung erbrachter psychotherapeutischer Leistungen nicht

bis zum 27.01.1998

durch eine Honorarausgleichszahlung behoben sein, wird sich Frau Heerdegen nach ihrer Genesung – ungeachtet rechtlicher und öffentlicher Schritte gegen die KÄV NW nach dem 27.01.98 - vorbehalten, die gesetzlich Krankenversicherten, die sich vertrauensvoll mit Psychotherapiewünschen an sie wenden, mit Hinweis auf Ihr vorstehend geschildertes Verhalten und in Anlehnung an den von Ihnen bekräftigten Grundsatz, dass es für kein Geld auch keine Behandlung geben kann, abzulehnen.

Der Aushang dieser (und anderer) Pervertierungen kassenärztlichen Verteilungswahnsinns wird alle Patienten und Besucher der Praxisgemeinschaft über die Honorierung der bereits von Frau Heerdegen erbrachten und nicht bezahlten psychotherapeutischen Leistungen bei der KÄV Nord-Württemberg informieren. Des weiteren wird der unglaubliche Skandal, nicht einmal 12 % (in Worten: zwölf Prozent ) der von Frau Heerdegen erbrachten Leistungen im Bereich Psychotherapie zu honorieren, im Internet unter der Adresse http://psychotherapie.de/kaevnw/ öffentlich gemacht.

Sie werden sich erinnern, dass ich Ihnen in der vergangenen Woche, am 12.01.1998, von der arroganten und unverschämten Streichung der Ziffer 5 (Notfallinanspruchnahme) durch Herrn Möbius bei mir als psychologischem Psychotherapeuten berichtete. Ihre Streichungsorgie bei Ihrer ärztlichen Kollegin Heerdegen schlägt jedoch jedem Fass den Boden aus: Wollen Sie, dass nach der Streichung der Notfallinanspruchnahme bei mir und der Streichung der psychotherapeutischen Intervention bei Frau Heerdegen sich die Depressiven, Psychotiker und anderweitig psychisch Hilfebedürftigen an den Laternenpfählen in der Waldburgstraße erhängen mit einem Schild um den Hals „KÄV Nord-Württemberg bezahlte meine Behandlung nicht" ?

Es versteht sich, dass Frau Heerdegen für diesen Akt von Willkür eine angemessene Entschuldigung erwartet. Und wenn Sie sich zu meinem Schreiben vom 12.01.1998 äußerten, stünde Ihnen das ebenfalls gut an.

Bei aller Überheblichkeit und der versteckten Drohung mit Disziplinarmaßnahmen in bezug auf die Wahl der Kostenerstattung in Ihrem „Rundschreiben an alle an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden Ärzte in Nord-Württemberg" vom 19.01.1998 und trotz der ständigen Diskreditierungen und Honorarvorenthaltungen durch die gesetzlichen Krankenversicherungen sowie nunmehr auch durch die Kassenärztliche Vereinigung Nord-Württemberg hat der Gesetzgeber eines noch nicht verboten: nämlich die Wahl des Arztes, wen er kostenlos behandelt und wen nicht.

Im übrigen dürfte Ihnen als Teilnehmer aufgefallen sein, dass Herr Gesundheitsminister Seehofer auf dem 1. Bundeskongress der Vertragsärztlichen Vereinigung in Hannover erneut die Kostenerstattung befürwortete – auch als Wahlmöglichkeit für den Arzt.

Für Rückfragen stehe ich Ihnen gern telefonisch unter der Rufnummer 0711-901 66-0 Dienstag bis Donnerstag von 13.00 bis 14.00 Uhr zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Dietmar G. Luchmann
Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut

PS: Unabhängig von dem noch ins Internet zu stellenden Informationsmaterial aus und zu Ihrem Hause finden Sie diesen Brief unter http://psychotherapie.de/kaevnw/baumgaertner2.htm und mein Schreiben vom 12.01.1998 unter http://psychotherapie.de/kaevnw/baumgaertner1.htm bereits jetzt im Internet.

Abb.3. Schreiben des mit der Interessenvertretung der betroffenen Ärztin beauftragten Psychotherapeuten Dipl.-Psych. Dietmar G. Luchmann an den Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Nord-Würtemberg, Dr.med. Werner Baumgärtner [Blatt 1-3].

23.01.1998: Was der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nord-Württemberg, Dr.med. Werner Baumgärtner, auf den substantiierten Widerspruch zu einer völlig willkürlichen Honorarstreichung im Bereich Psychotherapie zu erwidern hat, ist nur durch eine erstaunliche Selbstüberschätzung erklärbar, die bereits der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr.med. Winfried Schorre, "verantwortungslos" nannte: Eine aus der Arroganz der Kassenärztlichen Vereinigung genährte weitere Ohrfeige für die Psychotherapeutin, deren psychotherapeutische Leistungen in der beauftragten Kassenversorgung um 88 Prozent rechtswidrig gekürzt wurden.

Baumgärtner an Luchmann, 23.01.1998
Abb.4. Arroganz pur: Substantiell enthält das Schreiben des KÄV NW-Vorsitzenden Baumgärtner vom 23.01.1998 keinen Bezug zum kritisierten Sachgeschehen, die substantiierte Kritik seitens des Beauftragten der Fachärztin bezeichnet er jedoch als "in Stil und Inhalt für mich völlig indiskutabel".

23.01.1998, 15.20 Uhr: Problemlösungsversuch von Herrn Luchmann durch Anruf bei dem von Herrn Dr. Baumgärtners Sekretariat als zuständig bezeichneten stellv. Abt.-Leiter Ludwig (7875155), weil erkennbar ist, dass Kassenpsychotherapie zum Stundenhonorar von 14,22 DM nicht mehr angeboten werden kann. Der bestreitet, den Vorgang zu kennen und zuständig zu sein.

24.01.1998: Auf eine derart unerträgliche Arroganz konnte der von der betroffenen Ärztin beauftragte Kollege Luchmann dem KÄV NW-Vorsitzenden Baumgärtner nur noch mitteilen: "Schade. Bei so wenig Gesprächsbereitschaft kann ich meinen Kommentar nur noch ins Web stellen. ...  Die mündige Öffentlichkeit hat ein gutes Urteilsvermögen in Bezug auf Inhalte und Stilfragen" [nachfolgend Wortlaut].

Dietmar G. Luchmann

 

nur FAX 7875-274

Kassenärztliche Vereinigung Nordwürttemberg
z.H. Herrn Dr. Baumgärtner
Postfach 80 06 08
70506 Stuttgart

DGL-ww-24.01.1998

 

Mein Schreiben vom 12.01.1998 mit
Gedanken zu den Möglichkeiten und Grenzen von Psychotherapie zu Lasten der Krankenkassen
Ihr Schreiben vom 23.01.1998

Sehr geehrter Herr Dr. Baumgärtner,

Ihre Eingangsbestätigung vom 23.01.1998 zu meinem Schreiben vom 12.01.1998 habe ich heute erhalten und sehr aufmerksam gelesen.

„Stil und Inhalt" meines Schreibens qualifizieren Sie bedauerlicherweise als „völlig indiskutabel" ab. Den substantiierten Inhalt des Schreibens jedoch als „völlig indiskutabel" zu bezeichnen, lässt nur erkennen, dass Ihrerseits nicht die geringste Bereitschaft besteht, wirklich eine sachliche Diskussion für ein angemessenes Handling der Psychotherapie in Ihrem Hause und eine Abhilfe der kritisierten Praktiken Ihrer Mitarbeiter zu führen oder zumindest anzustreben.

Erkennbar wird in Ihrem Schreiben weiterhin, dass der langjährige Stil mancher Ihrer Mitarbeiter, die Vertragsärztinnen und –ärzte von einer sehr überheblichen und bevormundenden Position aus zu behandeln, noch in bester Blüte steht und fortlebt. Als psychologischer Psychotherapeut, der ich gruppengemäß ohnehin von der Mitgliedschaft in der KÄV ausgegrenzt bin, ertrage ich die die Gruppe der Psychotherapeuten noch stärker treffende Diskriminierung zwar mit Nachsicht.

Leider bemerken Sie nicht, dass Sie, indem Sie solches dulden, Probleme nicht lösen, sondern nur eskalieren. Das Plattmachen aus Ihrem Hause, Herr Dr. Baumgärtner, ist weder stilvoll noch zeitgemäß.

Schade. Bei so wenig Gesprächsbereitschaft kann ich meinen Kommentar nur noch ins Web stellen. Die Adresse kennen Sie sicher schon: http://psychotherapie/de. Die mündige Öffentlichkeit hat ein gutes Urteilsvermögen in Bezug auf Inhalte und Stilfragen.

Mit freundlichen Grüßen

Dietmar G. Luchmann
Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut

Abb.5. Antwortschreiben von Dietmar G. Luchmann an den KÄV NW-Vorsitzenden Baumgärtner: "Bei so wenig Gesprächsbereitschaft kann ich meinen Kommentar nur noch ins Web stellen."

27.01.1998, 8.55 Uhr: Nach seiner offenkundigen Gesprächsverweigerung wies die betroffene Fachärztin Heerdegen vor Ablauf ihrer Fristsetzung zur Veröffentlichung des Skandals zum 27.01.1998 den KÄV NW-Vorsitzenden Baumgärtner noch ein letztes Mal per FAX auf die weitreichenden öffentlichen und juristischen Konsequenzen seiner Überheblichkeit für die Kassenärztliche Vereinigung als Ganzes hin: "Ich hoffe, Sie sind sich bewusst, dass Sie als Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Nord-Württemberg dafür voll die Verantwortung zu übernehmen haben." [nachfolgend Wortlaut].

Carmen Heerdegen

 

FAX 0711-7875-274
KÄV Nordwürttemberg
z.H. Herrn Dr. Baumgärtner persönlich
Albstadtweg 11
70567 Stuttgart

27.01.1998

 

Widerspruch gegen die Gesamthonorarabrechnung
KÄV-Nr. 6138604/01 des 3. Quartals 1997 :
2. Aufforderung zur Richtigstellung der Abrechnung nachdem Sie die Fristsetzung 27.01.1998 völlig ignorierten

Sehr geehrter Herr Kollege Baumgärtner,

bezugnehmend auf das Schreiben von Herrn Dietmar G. Luchmann, das am 20.01.1998 (via FAX) an Sie geschrieben und deshalb auch an Sie gerichtet war, jedoch nach der telefonischen Aussage Ihrer Sekretärin vom 22.01.1998 ohne Ihre Kenntnis an Herrn Ludwig weitergereicht worden sei, bestehe ich nunmehr darauf, dass Sie sich persönlich mit meinem Widerspruch befassen.

Zu den bereits von Herrn Luchmann dargelegten Tatsachen der skandalösen Gesamthonorarabrechnung des 3. Quartals 1997 der Abrechnungsabteilung der KÄV Nordwürttemberg, auf die ich mich praktischerweise beziehen darf, habe ich der Vollständigkeit halber noch eine weitere Beschwerde hinzuzufügen und somit den Widerspruch zu erweitern:

In der "Anlage zur Leistungsübersicht Berechnung Praxisbudget" haben Ihre Mitarbeiter in Anwendung der Abstaffelungsregel nach AI B 2 richtig festgestellt, dass sich bei meiner abgerechneten Fallzahl von 358 Fällen bei einer durchschnittlichen Fallzahl der Fachgruppe der Nervenärzte von 542 Fällen ein Korrekturfaktor zu meinen Gunsten von 1,0513 errechnet. Dieser wird dann allerdings nicht in die Berechnung des Gesamthonorars einbezogen: Sie teilen mir lapidar mit, dass das Praxisbudget meiner Fachgruppe 541.537,40 Punkte betrage und ich selbst als Neurologin 384.150,00 Punkte angefordert habe. In der Verrechnung mit dem Praxisbudget geben Sie lediglich die Differenz zu meinem Fachgruppendurchschnitt an, um dann zu dem Ergebnis zu gelangen, dass mir 3.84150,00 Punkte vergütet werden. Doch wo erscheint die Korrektur der Punktzahl mit dem Faktor von 1,0513 ? Dieser Faktor fließt überhaupt nicht in die Berechnung der Punktzahl meines neurologischen Praxisbudgets ein, denn dann würde diese 403.856,89 Punkte statt der vergüteten 384.150,00 Punkte betragen.

Des weiteren gestatten Sie mir, zum bereits von Herrn Luchmann geschilderten Sachverhalt folgendes zu ergänzen: Ich habe im dritten Quartal 1997 insgesamt 358 Kassenpatienten behandelt. Diese Leistungen mündeten in ein Punktzahlvolumen im grünen Bereich von 384.150,00 Punkten. Dieses liegt um rund 30 Prozent unter dem Durchschnitt der Punktzahlanforderungen meiner Fachgruppe. Neben diesen deutlich unter dem Fachgruppendurchschnitt liegenden nervenärztlichen Leistungen erbrachte ich gemäß dem erteilten Versorgungsauftrag Leistungen im Bereich der Psychotherapie, die ein Abrechnungsvolumen von 349.500,00 Punkten erreichten. Die KÄV NW, so liest es sich nach der "Anlage zur Leistungsübersicht", gestand mir für die Psychotherapie ein völlig fehlgehendes "Budget" von 41.742 Punkten zu. Dieses Willkür-Budget liegt um 88 Prozent unter den realen Behandlungserfordernissen meiner Patienten im 3. Quartal 1997. Unter Zugrundelegung des in diesem Quartal zur Abrechnung gelangten Punktwertes von DM 0,083976 bei den Primärkassen und DM 0,080289 bei den Ersatzkassen ergibt sich ein rechnerischer Punkt-Mittelwert von DM 0,0821. Multipliziert man diesen Punktwert von 8,21 Pfennigen mit dem Willkür-Budget der KÄV NW von 41.742 Punkten, so ergibt sich ein Psychotherapie-Gesamtbudget für drei Monate Praxisbetrieb in Höhe von DM 3.427,02. Das Abrechnungsvolumen von 349.500,00 Punkten ergab sich aus rund 241 Stunden psychotherapeutischer Arbeit (349.500,00 Punkte dividiert durch die Zahl der psychotherapeutischen Leistungseinheiten von rund 1.450 Punkten je Stunde). Folglich errechnet sich aus dem von der KÄV NW gezahlten Honorar von insgesamt DM 3.427,02 für 241 Stunden ein Stundenhonorar von DM 14,22. Für diesen Stundenlohn arbeitet nicht einmal eine Putzfrau.

Es bedarf keines weiteren Wortes, um zu erkennen, dass seit dem für mich ab dem 1. Quartal 1997 erteilten Versorgungsauftrag als ärztliche Psychotherapeutin im Bereich der gesetzlichen Krankenkassen mit einem Willkür-Budget von 41.742,80 Punkten bei der Bewertung einer Einzelstunde Psychotherapie durch den EBM von 1.450,00 Punkten im Verlaufe eines Quartals mit rund 12 Wochen und einer angenommenen Psychotherapiefrequenz von einer Stunde pro Woche insgesamt nur zwei (!) Patienten kontinuierlich behandelt sowie im ganzen Quartal noch vier Einzelgespräche geführt werden könnten. Das ist einfach absurd und realitätsfern.

Im übrigen erinnere ich Sie daran, dass derzeit in der Bundesrepublik Feststellungenklagen anhängig sind, die die Verfassungsmäßigkeit einer solchen Budgetierung anfechten. Es sollte auch dem Denkvermögen Ihrer juristischen Mitarbeiter zugänglich sein, dass Sie sich nicht die Streichung von Leistungen anmaßen können, für die die Genehmigungshoheit – wie bei der Psychotherapie als exklusivem Sonderfall der gesamten EBM-Leistungen – in jedem Einzelfall bei den Krankenkassen selbst liegt. Es dürfte Ihnen bekannt sein, dass jede einzelne Psychotherapie für jeden einzelnen Kassenversicherten von seiner Krankenkasse explizit nach entsprechender Beantragung durch den ärztlichen und/oder psychologischen Psychotherapeuten genehmigt zu werden hat. Wenn Sie als KÄV dann im Bereich Psychotherapie daherkommen und willkürlich je Praxispatient und Quartal – wie in meinem Falle – ein "Budget" von 116,6 Punkten bzw. rund 9,57 DM verhängen, dann ist das skandalös und in gröbster Weise rechtswidrig. Davon mag Ihr eigenes Gerede, das Verhalten der Krankenkassen sei skandalös, in keiner Weise ablenken !

Ich werde diese willkürliche und jeglicher Grundlage entbehrende Streichung meines Honorars für Psychotherapie in Höhe von über DM 25.000,00 und die Nichteinberechnung der Abstaffelungsquote so nicht hinnehmen. Ich kann Ihre Gesamthonorarabrechnung für das 3. Quartal 1997 nur als Betrug an meiner ehrlichen und gewissenhaften ärztlichen Arbeit werten. Dementsprechend werden meine Patienten von den Abrechnungsgepflogenheiten der Kassenärztlichen Vereinigung Nordwürttemberg ab sofort in Kenntnis gesetzt, damit sie für sich selbst entscheiden können, ob sie für ein Honorar je Psychotherapiestunde von 14,22 DM auch eine dementsprechende Leistung in Anspruch nehmen wollen.

Da Sie bedauerlicherweise die von Herrn Luchmann bis zur heutigen Wiederaufnahme meiner Praxistätigkeit gesetzte Frist zur Abhilfe des Widerspruchs haben verstreichen lassen, werde ich diesen Verwaltungsskandal der KÄV Nordwürttemberg gleichermaßen Kollegen, Patienten, Krankenversicherungen und sonstigen Interessierten – ungeachtet zusätzlicher juristischer Schritte meinerseits, die geprüft werden – öffentlich machen. Das ist die Konsequenz, wenn Ihr Haus die Mitglieder, von denen es sich nährt, derart unerträglich ignoriert.

Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass sich die KÄV NW zunehmend zu einem Instrument von Ökonomen, Juristen, Berufspolitikern und Profilierungssüchtigen entwickelt hat, denen die Sicherstellung der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung nur ein Vorwand ist, um hemmungslos persönliche Macht auszuleben, die Ärzte mit immer neuen Verordnungen, immer komplizierter werdenden Abrechnungsvorschriften zu überhäufen, sie zu zwingen, ständig neue Anträge rechtzeitig einzureichen, um am Ende auch wirklich ihre Leistungen vergütet zu erhalten, und sie so vorsätzlich von ihrer eigentlichen ärztlichen Tätigkeit am Patienten abzuhalten. In Form der willkürlichen Verteilung des von den gesetzlichen Krankenversicherungen überwiesenen Geldes versuchen so wenige und in der Mehrzahl wohl sogar nichtärztliche Berufsgruppen direkt auf die ärztliche Arbeit Einfluss zu nehmen. Das ist nicht akzeptabel. Die gegenwärtige Berufspolitik der KÄV NW lässt es zu, dass der Teil der ehrlichen Ärzte in eine existentielle Krise gerät und die Raffgierigen unter uns Ärzten eine ethisch-moralische Krise unseres Berufsstandes verursachen. Am Ende dieses brutalen Existenzkampfes werden wahrscheinlich nur noch diejenigen unter den Ärzten den täglichen ambulanten ärztlichen Alltag überleben, die wie die KÄV NW die Sensibilität eines Vorschlaghammers besitzen oder erwerben.

Ich hoffe, Sie sind sich bewusst, dass Sie als Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Nord-Württemberg dafür voll die Verantwortung zu übernehmen haben.

Mit freundlichen Grüßen

Carmen Heerdegen
Fachärztin für Neurologie, Psychotherapie, Naturheilverfahren

PS. Es zeugte im übrigen wenig von Klugheit, Herrn Luchmann, der ein sehr kompromissfähiger und realistischer psychologischer Psychotherapeut ist und mich freundlicherweise während meiner Krankheit bei der Wahrnehmung meiner Interessen vertreten hat, mit der Ihrem Hause eigenen Überheblichkeit grundlos vor den Kopf zu stoßen.

Abb.6. Erinnerungs-Fax der Fachärztin Carmen Heerdegen vom 27.01.1998, 8.55 Uhr, an den KÄV NW-Vorsitzenden Baumgärtner zum Ablauf ihrer Fristsetzung vor der Veröffentlichung des KÄV NW-Skandals [Blatt 1-3].

27.01.1998, 18.49 Uhr: Nachdem die betroffene Fachärztin Heerdegen sich nicht mit Plattheiten hat abspeisen lassen, lässt der KÄV NW-Vorsitzende Baumgärtner die Maske völlig fallen und verlegt sich auf Abwertungen und Drohungen. Diese Antwort der Kassenärztlichen Vereinigung war die nächste Ohrfeige für die Psychotherapeutin, deren psychotherapeutische Leistungen in der beauftragten Kassenversorgung um 88 Prozent rechtswidrig gekürzt wurden.

Baumgärtner an Heerdegen, 27.01.1998, Seite 1

Baumgärtner an Heerdegen, 27.01.1998, Seite 2

Abb.7. Arroganz pur II: Substantiell enthält auch das Schreiben des KÄV NW-Vorsitzenden Baumgärtner vom 27.01.1998 keinen Bezug zur kritisierten rechtswidrigen Willkür bei der konkreten Honorarberechnung, jedoch sehr bezeichnende Auslassungen, u.a. "Daß es auch hier Gewinner und Verlierer gegeben hat, muß ich Ihnen nicht erklären. ... Die Mangelverwaltung bedeutet, daß sich nicht jeder so entfalten kann, wie er sich das vorstellt", und Drohungen, dass die vorgebrachten substantiierten Kritiken "m.E. juristisch geahndet werden müssen". Dieses Dokument wirft ein bezeichnendes Licht auf das Selbstverständnis des KÄV NW-Vorsitzenden und Allgemeinarztes Dr. med. Werner Baumgärtner.

Am selben Tage erscheint in der Ärzte-Zeitung ein halbseitiger Bericht unter dem Titel: "In der KV-Nord-Württemberg sind die HVM-Berechnungen für die Praxis- und Zusatzbudgets im 3. Quartal offenbar aufgegangen: Punktwerte erreichen knapp die anvisierte Neun-Pfennig-Marke" [Ärztezeitung, 27.01.1998, Seite 10].
Dieser lancierte Bericht über die HVM-Berechnungen der KÄV NW vor dem Hintergrund der vorstehenden Dokumente und der arroganten Auslassungen des KÄV NW-Vorsitzenden Baumgärtner sollte die dreiste und üble Punktwertkosmetik der KÄV NW - u.a. auf dem Rücken der Kassenpsychotherapie - verschleiern.  

27.01.1998: Deshalb veröffentlicht Dietmar G. Luchmann einen Kommentar unter dem Titel "Die Plattmacher" auf dem deutschen Psychotherapie-Server, der parallel an die baden-württembergischen Mitglieder der Arbeitsgruppe Psychotherapeutengesetz des Vermittlungsausschusses von Bundesrat und Bundestag, Sigrun Löwisch CDU (Büro Bonn FAX 0228-1686508), Klaus Kirschner SPD (Büro Bonn FAX 0228-1686274), Monika Knoche Bündnis90/Grüne (Büro Bonn FAX 0228-1686271) sowie ausgewählte Medien übermittelt wird [nachfolgend Wortlaut]:

Quelle:
Deutscher Psychotherapie-Server [www.psychotherapie.de] vom 27.01.1998 [Kommentar]

Die Plattmacher

von  Dietmar G. Luchmann *

Die Kassenärztliche Vereinigung Nord-Württemberg (KÄV NW) unter ihrem Vorsitzenden, Herrn Dr. med. Werner Baumgärtner, einem gestandenen Allgemeinarzt aus Stuttgart-Zuffenhausen, macht die Kassenpsychotherapie platt. Diese Feststellung wird treffen, wer die Beschlüsse und das Verhalten der KÄV NW und ihres ersten Mannes seit Juni 1997 beobachtet. Während Gesundheitsminister Horst Seehofer seit Jahren versucht, dem für die Gesundheitsversorgung und die gesamtgesellschaftliche Psychohygiene wichtiger werdenden Bereich der Psychotherapie eine gesetzliche Grundlage zu geben, stimmte der Vorsitzende der KÄV NW auf jener denkwürdigen außerordentlichen Versammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KÄBV) am 20. September 1997 gegen das von derselben KÄBV Monate zuvor beschlossene und vom Gesundheitsminister aufgegriffene Integrationsmodell zur Aufnahme der psychologischen Psychotherapeuten in die Kassenärztlichen Vereinigungen (KÄV).

Auch die Honorierung der Psychotherapie mit festen Punktwerten wurde unter Führung von Herrn Dr. Baumgärtner ab dem 1. Juli 1997 aufgehoben und durch einen rigiden Honorarverteilungsmaßstab (HVM) mit einer Budgetierung ersetzt, die nach Einschätzung des Vorsitzenden des Verbandes der Vertragspsychotherapeuten Nord-Württemberg (VVPNW), Dr. med. Ernst Zeller, "eine Sicherstellung nicht mehr gewährleistet". Ärztliche und psychologische Psychotherapeuten fanden sich mit einer "rigiden Fallzahlbegrenzung konfrontiert, die bei psychotherapeutischen Praxen mit 20 bis 30 Fällen nicht zu handhaben ist", wie es in einem Rundbrief des VVPNW-Vorstandes heißt, "d.h. neue Kriseninterventionen, neue Therapien oder auch eine intensive Langzeittherapie durch mehrere Kriseninterventionen oder Abklärungsgespräche zu ersetzen, ist nicht mehr möglich".

Diese Feststellungen mögen für Außenstehende abstrakt bleiben. Wie also sieht die konkrete Wirklichkeit aus, die Herr Dr. Baumgärtner und seine KÄV NW geschaffen haben, nachdem am 19. Januar 1998 die Honorarabrechnungen der KÄV NW vom 3. Quartal 1997, dem ersten nach diesem neuen HVM, versandt wurden ? Betrachten wir einen typischen Fall, eine Fachärztin aus Stuttgart im dritten Jahr der Niederlassung und seit 1997 im Besitz der Zusatzbezeichnung Psychotherapie, die ihre Patienten mit Auftrag der KÄV NW in etwa zu gleichen Teilen nervenärztlich und psychotherapeutisch versorgt. Diese Fachärztin hat von Juli bis September 1997 insgesamt 358 Kassenpatienten behandelt, darunter 78 Rentner. Neben ihren um rund 30 Prozent unter dem Durchschnitt ihrer Fachgruppe liegenden, also weniger abgerechneten nervenärztlichen Leistungen, erbrachte die ärztliche Psychotherapeutin hochqualifizierte Leistungen im Bereich Psychotherapie, die ein Abrechnungsvolumen von 349.500,00 Punkten erreichten. Bekanntlich erwerben Ärzte durch die Behandlung gesetzlich Versicherter zunächst kein Geld, sondern Punkte ungewissen Wertes.

Willkür und Honorarpolitik der KÄV NW gestanden der Fachärztin in unserem Fall für die Psychotherapie, die sie als Vertragsärztin vertragsgemäß entsprechend dem Versorgungsanfall zu erbringen hat, ein Budget von 41.742 Punkten zu. Dieses Willkür-Budget liegt um 88 Prozent (in Worten: achtundachtzig) unter den realen Behandlungserfordernissen der realen Patienten dieser Fachärztin im 3. Quartal 1997. Unter Zugrundelegung des in diesem Quartal zur Abrechnung gelangten Punktwertes von 0,083976 DM bei den Primärkassen (AOK, IKK) und 0,080289 DM bei den Ersatzkassen ergibt sich ein rechnerischer Punkt-Mittelwert von 0,0821 DM. Multipliziert man diesen Punktwert von 8,21 Pfennigen mit dem Willkür-Budget der KÄV NW von 41.742 Punkten, so ergibt sich ein Psychotherapie-Gesamtbudget für drei Monate Praxisbetrieb in Höhe von 3.427,02 DM. Auf den Monat umgelegt beträgt das Psychotherapie-Honorar somit 1.142,34 DM. Skandalös ist des Stundenhonorar, das hieraus für die Fachärztin resultiert. Das Abrechnungsvolumen von 349.500,00 Punkten ergab sich aus etwa 241 Stunden psychotherapeutischer Arbeit (349.500,00 Punkte dividiert durch die Zahl der psychotherapeutischen Leistungseinheiten von rund 1.450 Punkten je Stunde). Folglich errechnet sich aus dem von der KÄV NW der Fachärztin für Psychotherapie gezahlten Honorar von insgesamt 3.427,02 DM für 241 Stunden ein Stundenhonorar von 14,22 DM.

Es bedarf keines weiteren Wortes, um zu erkennen, dass für eine ärztliche Psychotherapeutin mit einem Versorgungsauftrag im Bereich der gesetzlichen Krankenkassen ein Willkür-Budget von 41.742,80 Punkten bei der Bewertung einer Einzelstunde Psychotherapie durch den EBM (der Gebührenordnung der Krankenkassen) von 1.450,00 Punkten im Verlaufe eines Quartals mit rund 12 Wochen und einer angenommenen Psychotherapiefrequenz von einer Stunde pro Woche insgesamt nur zwei (!) Patienten kontinuierlich behandelt sowie im ganzen Quartal noch vier Einzelgespräche geführt werden könnten. Das ist absurd, realitätsfern und ein offenbar seitens der KÄV NW unter Herrn Dr. Baumgärtner politisch gewolltes Plattmachen der Psychotherapie.

In seinem Rundschreiben vom 19.01.1998 an "die an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden Ärzte in Nord-Württemberg" verband der KÄV NW-Vorsitzende seine "besten Wünsche ... mit drei guten Nachrichten", insbesondere "die Abrechnungsergebnisse selbst bestätigen unseren mit dem Honorarverteilungsmaßstab eingeschlagenen Kurs." Gewiss, innerhalb des ärztlichen Verteilungskampfes werden die Psychotherapeuten gnadenlos in den wirtschaftlichen Ruin getrieben, wenn sie denn selbst verrückt genug sind, noch Kassenpatienten auf Krankenschein zu behandeln. Für DM 14,22 je Stunde wie im vorstehenden realen Beispiel. Dies ist nicht nur dieser Zahlen wegen skandalös, sondern auch deshalb, weil die Psychotherapie eine Leistung ist, die grundsätzlich in jedem Einzelfall der Zustimmung der Krankenkassen bedarf, so dass bei Psychotherapie in jedem Leistungsfall die Kostenverantwortung und Genehmigungshoheit ausschließlich bei den Krankenkassen verbleibt und solchermaßen nicht wie bei den übrigen Leistungen des EBM vom Arzt im Hamsterrad der Leistungsausweitung veranlasst werden kann.

Es ist ohne jeden Zweifel zutreffend, dass die Krankenkassen das Morbiditätsrisiko und die objektiv steigenden Kosten eines qualitativ hochwertigen Gesundheitswesens auf die Ärzteschaft abzuwälzen trachten. "Das Handling des Mangels darf jedoch im Ergebnis nicht dazu führen, dass die Stimmung voll gegen uns umschlägt. Sensibilität ist auch hier gefordert", schreibt der KÄV NW-Vorsitzende Dr. Baumgärtner. Dieses Werben um Sensibilität bei den Opfern seines Kurses geht einher mit der Sensibilität des Vorschlaghammers, die die KÄV NW für sich selbst beansprucht. Es ist sehr zu bezweifeln, dass die Mehrheit der nord-württembergischen Vertragspsychotherapeuten das für derlei Versuche der KÄV notwendige Maß an Dummheit haben wird, um sich von Warnungen Herr Dr. Baumgärtners vor "überschießenden Reaktionen einzelner Kollegen oder auch Berufsverbände" beeindrucken zu lassen. "Ich habe allergrößtes Verständnis dafür, dass Sie mit einer stringenten Begrenzung des Fallzahlzuwachses, mit Punktzahlabschöpfungen durch die Praxisbudgets ... sowie mit der Einrichtung von Individualbudgets Probleme haben", schreibt Herr Dr. Baumgärtner begleitend zu den am 19.01.1998 versandten Honorarbescheiden. Ob ein Psychotherapeut sich und seine Praxis vom "allergrößten Verständnis" des KÄV-Vorsitzenden für einen psychotherapeutischen Stundenlohn von 14,22 DM zu ernähren vermag ? Wer's nicht packt, dem könnte der große Vorsitzende vielleicht mit Blick auf die beklagte Unwirtschaftlichkeit psychotherapeutischer Kassentätigkeit den Hinweis geben, die freiwerdende Zeit einmal selbst mit den doch angeblich so wirksamen psychotherapeutischen Methoden zu füllen - zum Beispiel autosuggestiv mit den Formeln "Ich bin ganz ruhig, mein Bauch ist ganz voll, mein Herz ist ganz froh..."

Hat da eben wer gelacht ? Leider würden die gesellschaftlichen Kosten beträchtlich sein, wenn die Plattmacher der Psychotherapie Erfolg haben. Briefe von Patienten wie der nachfolgende Brief an jene ärztliche Psychotherapeutin, der die KÄV Nord-Württemberg ein ärztliches Stundenhonorar für Psychotherapie von 14,22 DM zugesteht, würden dann nicht mehr geschrieben werden - sondern Bestattungsrechnungen: "...Mein Tief ist endlich vorbei und ich lebe noch. Jetzt weiß ich wieder wie sinnlos es gewesen wäre, mir das Leben zu nehmen. Sie waren mir eine große Hilfe ... Es ist in dieser Zeit sehr wichtig, eine solche Anlaufstelle wie Ihre zu haben. Tausend Dank und viele liebe Grüße."

Einer ärztlichen Psychotherapeutin, die nicht nur hälftig selbst und zum Nutzen der Versichertengemeinschaft sehr effektiv therapiert, sondern darüber hinaus auch Psychotherapien an nicht-ärztliche Psychotherapeuten im Rahmen des Delegationsverfahrens zu delegieren und zu betreuen hat, eine "individuelle Fallpunktzahl Praxis für freie Leistungen", wie die Verwaltungsumschreibung der KÄV NW für Psychotherapiebudget lautet, von 116,6 Punkten zuzuteilen, das verdient nur eine Bezeichnung: schlicht menschenverachtend. Im Klartext heißt das, die KÄV NW begrenzt das Honorar für psychotherapeutische Leistungen, die von der Krankenkasse im Einzelfall für die Fachärztin und konkrete Patienten genehmigt worden sind, auf 9,57 DM je Praxispatient und Quartal. Herr Dr. Baumgärtner versuchte sich bezüglich des Vorwurfes der Diskriminierung psychotherapeutischer Leistungen in einem Schreiben an den Autor vom 23. Januar 1998 mit dem Hinweis zu rechtfertigen, dass "psychotherapeutische Leistungen ... in den letzten Jahren stark zugenommen" haben ... "ohne dass eine entsprechende Vergütung durch die GKVen erfolgt ist". Diese Argumentation ist falsch und zielt darauf ab, die tatsächliche Kausalkette zu verschleiern.

Die Kassenärztliche Vereinigung hat, wenn sie ihrem Auftrag gerecht werden will, die Gesamtvergütung der Krankenkassen an die Leistungserbringer zu verteilen und dabei eine honorarpolitische Steuerung mit Blick auf die Anwendung wirksamer und ökonomischer Methoden entsprechend dem wissenschaftlichen Fortschritt vorzunehmen. Als Allgemeinarzt weiß Herr Dr. Baumgärtner sehr wohl, dass etwa die Hälfte der Patienten einer allgemeinärztlichen Praxis unter psychosomatischen und psychischen Störungen leidet. Für einen beträchtlichen Teil dieser Patienten stehen heute bereits effektive psychotherapeutische Methoden zur Verfügung, die die psychosomatischen und psychischen Störungen dieser Patienten entweder beseitigen oder erheblich mindern können. Insofern ist es gesellschaftlich außerordentlich wünschenswert, diese psychotherapeutischen Methoden unbedingt - und unbudgetiert - wirksam werden zu lassen. Dem steht nur der Widerstand all derer entgegen, die diese Störungen ungeachtet des medizinischen und therapeutischen Fortschritts wie vor 20 Jahren unnötig mit Tabletten, Tropfen und apparativen und Mehrfachuntersuchungen zu behandeln trachten und damit beträchtliche Teile der Gesamtvergütung unwirtschaftlich aufzehren.     

Aber vielleicht wird der Plattmacher Kassenärztliche Vereinigung alsbald selbst von der politischen Entwicklung in den Papierkorb der Geschichte getan werden. In den gesundheitspolitischen Arbeitskreisen der CDU und CSU und im baden-württembergischen Gesundheitsministerium sieht man das nur als eine Frage der Zeit, die sich zwischen zwei bis fünf Jahren bewegen mag. Schließlich hat der Gesetzgeber die aus dem überkommenen System und der Gesundheitsstrukturreform resultierenden Probleme für eine qualitativ hochwertige ambulante Gesundheitsversorgung erkannt und mit dem am 1. Juli 1997 in Kraft getretenen 2. Neuordnungsgesetz zur Gesundheitstrukturreform (NOG) eine "konsequente Richtungsentscheidung" (Pressemitteilung Nr. 50 v. 12.06.1997 des Bundesgesundheitsministeriums) zur Erweiterung der Kostenerstattung für alle Kassenversicherten geschaffen. Der Gesetzgeber hat damit das bisher den gesetzlich Pflichtversicherten vorenthaltene "ungerechtfertigte Privileg" der freiwillig Versicherten abgeschafft und allen den Zugang zur Privatbehandlung mit Kostenerstattung ermöglicht. Er verspricht sich davon eine Stärkung des Prinzips der Eigenverantwortung, mehr Transparenz und stellt darüber hinaus in der Gesetzesbegründung fest,  "frei die Versorgungsform wählen zu können, entspricht der Vorstellung vom mündigen Bürger, der selbst entscheidet, was für ihn zweckmäßig ist".

So hat beispielsweise die IKK Böblingen ihren mündigen Versicherten für eine Stunde Psychotherapie im Wege der Kostenerstattung nach § 13 Abs. 2 SGB V nach Inkrafttreten des 2. NOG 145,00 DM gezahlt. Und sie hat dieses Honorar gern bezahlt. Denn es ist aus verschiedenen wissenschaftlichen Untersuchungen zur Wirksamkeit moderner psychotherapeutischer Verfahren bekannt, dass die in eine effektive Psychotherapie investierte Deutsche Mark zwischen vier bis neun Deutsche Mark an Krankheitskosten sparen hilft. Vorzugsweise bei der ambulanten Behandlung durch niedergelassene Ärzte, womit sich der Kreis der Plattmacher wieder schließt. 

*Der Autor ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und als Vertragspsychotherapeut in eigener Praxis in Stuttgart niedergelassen (praxis@luchmann.de).

© 1998 Dietmar G. Luchmann. Nachdruck nur mit schriftlicher Zustimmung des Autors.


Der Kommentar erhielt im Internet spontan eine große Resonanz und wurde von verschiedenen Servern übernommen.
Aber auch von den Print-Medien wurde das Geschehen aufgegriffen.

Zum Beispiel schreibt die Stuttgarter Zeitung am 14.02.1998 [Nr. 37] Seite 26:

Psychotherapeuten kritisieren im Internet die Honorarabrechnungen:

"Für diesen Stundenlohn arbeitet nicht einmal eine Putzfrau"

Zwischen Stuttgarter Psychotherapeuten und der Kassenärztlichen Vereinigung Nord-Württemberg (KV) ist es zum Krach um Honorare gekommen. Von den Therapeuten wird der Streit weltweit im Internet breitgetreten.

Die Berechnung von ärztlichen Vergütungen ist so kompliziert, daß selbst die Ärzte es oft nicht durchschauten, meint der Geschäftsführer der KV Nord-Württemberg, Thomas Zalewski. Eine Wissenschaft für sich: Fachgruppe, Praxisbudget, Punktwert, Fallzuwachsraten und Honorarverteilungsmaßstab spielen dabei eine Rolle.

Carmen Heerdegen, eine Fachärztin für Psychotherapie aus Stuttgart, hat ihre Abrechnung für das dritte Quartal 1997 allerdings sehr gut verstanden. Viel zu wenig sei es gewesen. Die KV habe ihr für die Behandlung von 358 Fällen in 241 Stunden Psychotherapie ein Honorar von insgesamt 3427 Mark gezahlt, was einem Stundenhonorar von 14,22 Mark entspreche. Heerdegen: ,,Für diesen Stundenlohn arbeitet nicht einmal eine Putzfrau." Wortgewaltig beschwerte sich die Ärztin beim Vorsitzenden der KV, Werner Baumgärtner, und schreibt von einem ¸¸Betrug an meiner ehrlichen und gewissenhaften ärztlichen Arbeit". Ihr Praxiskollege Dietmar G. Luchmann setzt noch eins drauf und verbreitet im Internet einen Artikel, in der die KV als ¸¸Plattmacher" der Psychotherapie bezeichnet und ihr ,,Willkür" vorgeworfen wird. Auch wird darin der Vorsitzende des Verbandes der Vertragspsychotherapeuten, Ernst Zeller, zitiert, der die rigide Begrenzung der Fallzahlen in einem Rundbrief kritisiert haben soll. Die Honorarverteilung sei so, daß ¸¸neue Kriseninterventionen, neue Therapien oder eine intensive Langzeittherapie" gar nicht möglich seien. Therapeut Luchmann jedenfalls hält höhere Honorare für angemessen: So habe die IKK Böblingen beispielsweise einem Versicherten für eine Stunde Psychotherapie 145 Mark erstattet.

In der KV hat man verärgert auf den Tonfall in der Debatte reagiert. In Stil und Inhalt seien Luchmanns Briefe ,,völlig indiskutabel" hat KV-Chef Baumgärtner an die Beschwerdeführer zurückgeschrieben. Die Auseinandersetzungen mit der Fachgruppe Psychotherapie seien ,,aggressiv und unerfreulich geworden" und seines Erachtens gebe es da Aussagen, die ¸¸juristisch geahndet" werden müßten. Zur Sache sagt Baumgärtner, daß es ein Budget für Psychotherapie gebe, das an die Therapeuten verteilt werde. Daß es dabei Gewinner und Verlierer gebe, sei klar. Baumgärtner: ¸¸Die Mangelverwaltung bedeutet, daß sich nicht jeder so entfalten kann, wie er sich das vorstellt." Zehn Jahre verfehlte Honorarpolitik könne nicht im Schnellverfahren bereinigt werden.

Allerdings sucht die KV-Spitze nun doch einen Ausweg. Das Problem könne darin liegen, so KV-Geschäftsführer Zalewski, daß Ärzte, die bestimmte Leistungen neu und zusätzlich anbieten - etwa Psychotherapie oder ambulantes Operieren -, unter Honorareinbußen zu leiden haben. Die meisten Therapeuten hätten keine Honorarsorgen. Wegen des ¸¸Wehklagens" der anderen soll nun eine ¸¸intensive Analyse" der Honorarberechnung erfolgen. Mit der Internet-Verbreitung, so schmunzelt Zalewski, habe das Problem eine neue Dimension erreicht. Der Geschäftsführer:,,Das trägt zum Ruhm der KV Nord-Württemberg bei." 
Christoph Link

© 1998 Stuttgarter Zeitung online. Wiedergabe auf www.psychotherapie.de mit freundlicher Genehmigung durch Thomas Barth, Redaktionsleitung Online, Stuttgarter Zeitung online.

Und hier ein Blick auf das Original der Stuttgarter Zeitung vom 14.02.1998:

Bericht der Stuttgarter Zeitung zur Diskriminierung der Psychotherapie

Ob der Hauptgeschäftsführer der KÄV NW, Zalewski, noch immer schmunzelt und meint, "Das trägt zum Ruhm der KV Nord-Württemberg bei" ?


© 1998 Dietmar G. Luchmann. Alle Rechte vorbehalten.
Ein Reprint mit freundlicher Genehmigung von www.psychotherapie.de und Dietmar G. Luchmann


Der MEDI-Report Nr. 8 berichtet über einen weiteren Versuch, diese Online-Publikation zum Schweigen zu bringen. Als Zugabe lesen Sie eine Adaptation von Heinrich Heines "Wintermärchen".
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