Rote Karte für Baumgärtners Medi-Verbund

M E D I - R E P O R T S

MEDI-Report Nr. 5 vom 08.09.1999

Baumgärtners Erklärung zum Vorsitz der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KÄBV), er werde "das Amt annehmen"

Nach seinem Ausscheiden aus dem Bundesvorsitz der Vertragsärztlichen Vereinigung (VBV) und der unerfreulichen Arbeit in der nord-württembergischen Kassenärztlichen Vereinigung (KÄV NW) strebt deren Vorstandsvorsitzender nach Höherem.

Von Dietmar G. Luchmann


Immer wieder gibt es Zeitgenossen, die sich mit dem Fell des Bären wärmen wollen, bevor sie ihn erlegen. Vor dem Hintergrund der unerfreulichen Auseinandersetzungen mit seinen Kollegen und des Ärztestreits um das geplante MEDI-Kartell, das alles andere als der von Baumgärtner deklarierte Selbstläufer geworden ist, sowie der erwarteten Zusammenlegung der Kassenärztlichen Vereinigungen in Baden-Württemberg langt der Vorsitzende der nordwürttembergischen KÄV und Zuffenhausener Allgemeinarzt, Dr. med. Werner Baumgärtner, bereits ganz ungeniert nach dem Stuhl des Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KÄBV), Dr. med. Winfried Schorre, und empfiehlt sich schon mal selbst (siehe Stuttgarter Zeitung vom 08.09.1999). Für viele Ärzte und Psychotherapeuten ist Baumgärtner inzwischen jedoch ein "rotes Tuch".

Fast geräuschlos wurde der langjährige Vorstandsvorsitzende der Vertragsärztlichen Bundesvereinigung (VBV) bei deren Vorstandswahl am 27.06.1999, mit der sich die VBV eine neue Struktur und eine größere Demokratie bei den Wahlverfahren verordnete, durch den Grevenbroicher Facharzt Dr. med. Joachim Treppmann ersetzt, der es als erforderlich ansah, sich in der Ärztepresse vom Führungstil seines Vorgängers Baumgärtner sogleich klar zu distanzieren. "Treppmann macht jedoch auch deutlich, daß er nicht als eine 'Marionette' Baumgärtners fungieren werde: 'Die Zielsetzungen werden sich deutlich unterscheiden' " erklärte er gegenüber den Neuro-Psychiatrischen Nachrichten 07/1999, S.4.

Auch im eigenen Ländle ist der Führungsstil Baumgärtners seinen Kollegen immer weniger erträglich. Bei den Informationsveranstaltungen zum Ärztekartell MEDI der Herren Dres. Werner Baumgärtner und Norbert Metke, so wurde berichtet, habe der aggressive Stil Baumgärtners auf seine Kollegen als "rotes Tuch" gewirkt. Inzwischen führt in der Öffentlichkeit der in der Kontaktaufnahme geschicktere Norbert Metke das MEDI-Projekt. Auch dies verhinderte allerdings nicht, dass das Projekt, die Ärzteschaft zu vereinen, an der politischen Grobschlächtigkeit und dem Machtstreben seiner Funktionäre bereits gescheitert ist. Als "streitbar" bereits hinlänglich bekannt, klassifizierte Baumgärtner selbst sich auf der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Nordwürttemberg am 07.07.1999 auch noch als "wild entschlossen" (Ärzte Zeitung vom 09./10.07.1999, S.5): der geborene Kämpfer mit dem unverbrüchlichen Willen zur Macht, der ohne Rücksicht auf Verluste auch der demokratischen Konsensfindung in der Ärzteschaft schnell mal auf die Sprünge hilft. Manche halten ihn für den Retter, der die Ärzte in schwieriger Zeit in eine lichte Zukunft zu führen gesandt ist, andere halten ihn für eine Gefahr für die Demokratie und verweisen auf die bemerkenswerte Kaltschnäuzigkeit, mit der er gegen Andersdenkende vorgeht (siehe hierzu auch die MEDI-Reports Nr.1, Nr.2 und Nr.3).

In Bezug auf Baumgärtners umstrittenes Projekt des MEDI-Kartells kritisierte beispielsweise der Vorsitzende des Berufsverbandes der Allgemeinärzte Deutschlands - Hausärzteverband - Landesverband Baden-Württemberg e.V., Dr. med. Manfred Schmid, am 24.08.1999 in einem Rundbrief öffentlich, dass die Beitrittserklärung zu MEDI einer "Entrechtungserklärung" gleichkommt. "Der Versuch, strittige Vertragsbestandteile grundsätzlicher Art in der Vertreterversammlung der KV am 07. Juli 1999 zu thematisieren, wurden vom Vorstandsvorsitzenden zurückgewiesen und vom Vorsitzenden der Vertreterversammlung mit dem Entzug des Wortes beendet", schrieb der Vorsitzende des BDA-Landesverbandes weiter.

Auch der Vorstand der mitgliederstarken Ärztegenossenschaft GenoGyn-GenoMed e.G. nennt Baumgärtners Ausgrenzung Andersdenkender "ein rigides Vorgehen gegenüber Außenstehenden'', das in dieser frühen Phase der Gründung (siehe Stuttgarter Zeitung vom 02.09.1999) ernste Befürchtungen für die Zukunft wecke, und kritisiert die erkennbare Bevormundung und die Machtkonzentration in seiner Hand. Bei einem derart fehlgehenden Demokratieverständnis Baumgärtners war es nur folgerichtig, dass die Ärztegenossenschaft GenoGyn-GenoMed e.G. "unverzüglich die Vorbereitungen für ein unabhängiges und freies Verbundsystem in NW in Form einer eigenen Gesellschaft unserer Genossenschaft einleiten" musste, wie in einem Rundschreiben vom 16.08.1999 kundgetan wurde.

Beobachter werden sich erinnern, wie Baumgärtner in der Vergangenheit als Bundesvorsitzender der VBV die Kassenärztlichen Vereinigungen (KÄVen) bekämpft hatte. Als Vorstandsvorsitzender der KÄV Nord-Württemberg hat Baumgärtner nunmehr seit über zwei Jahren selbst alle Möglichkeiten gehabt, sein Verständnis von ärztlicher Politik und ärztlicher Selbstverwaltung zu praktizieren. Die Ergebnisse sind ernüchternd bis verheerend. Sein öffentliches Auftreten löst ebenso wie seine Art des "kollegialen" Umgangs Angst aus. Die Stuttgarter Zeitung berichtete am 02.09.1999 (S.19), ganze Ärztegruppen fürchten sich "vor der Allmacht des Funktionärs Werner Baumgärtner". Selbst der Kommentator der wohlwollenden Ärzte Zeitung empfahl Baumgärtner am 18.05.1999 (S.2) ungeschminkt, "Gefragt sind keine Horrorvisionen, sondern intelligente Lösungen". Intelligent jedoch kann nicht genannt werden, rechtswidrige Honorarverteilungsmaßstäbe durchzusetzen, die Kolleginnen und Kollegen über die Hälfte ihres Honorars kürzten, und diesen dann in einmalig überheblicher Form mitzuteilen, "Daß es auch hier Gewinner und Verlierer gegeben hat, muß ich Ihnen nicht erklären". Erst im Angesicht des sozialgerichtlichen Urteils ließ Baumgärtner sich zähneknirschend zur Korrektur seiner Honorar-Verteilungswillkür herab.

Intelligent kann nicht genannt werden, die Ärzteschaft mit der nackten Angstkeule in ein Kartell treiben zu wollen, das dem einzelnen eine "Entrechtungserklärung" aufzwingt wie der BDA-Landesvorsitzende feststellt. Intelligent kann ebenso wenig genannt werden, ärztliche Minderheiten platt zu machen - sei es bei den Psychotherapeuten (siehe den Bericht des deutschen Psychotherapie-Servers vom 27. Januar 1998 "Die Plattmacher") oder bei den ambulanten Chirurgen (siehe Stuttgarter Zeitung vom 27.08.1999). "Ich habe gearbeitet bis zum Umfallen - jetzt gebe ich auf", erklärte der ambulant tätige Esslinger Chirurg Wolfgang Müller-Adam am 27.08.1999 in der Stuttgarter Zeitung. "Nach Ansicht Müller-Adams", so die Zeitung weiter, "versickert ein Großteil dieses Geldes aber bei der KV, die die Budgets für die niedergelassenen Ärzte aller Fachrichtungen verwaltet: 'Dort entscheiden nicht die Operateure, sondern mehrheitlich Haus- und Allgemeinärzte über die Verteilung der Gelder. Verständlich, dass sich auch deren Interesse am ambulanten Operieren in Grenzen hält: Nur ein Krankenhaus-OP belastet das Budget der Hausärzte nicht', meint Wolfgang Müller-Adam." Es gibt viele Beispiele für Baumgärtners Führungsversagen, so dass die Frage erlaubt ist, ob der derzeitige Vorstandsvorsitzende der KÄV Nord-Württemberg menschlich, fachlich und politisch geeignet ist, die Herausforderungen zu meistern, die vor der Ärzteschaft und dem Gesundheitswesen stehen.

"Wenn ich gefragt werde, kandidiere ich für den Bundesvorsitz und wenn ich gewählt werde, werde ich das Amt annehmen'', erklärte Baumgärtner den überraschten Lesern der Stuttgarter Zeitung in der Ausgabe vom 08.09.1999. Manche Entwicklung konnte in der Vergangenheit nicht verhindert werden. Einen KÄBV-Vorsitzenden wie den Hardliner Baumgärtner, der sich durch einen Mangel an Konsens- und Integrationsfähigkeit ausgewiesen hat, der die Gemeinschaft der kassenärztlichen Vertragsbehandler eher spaltet anstatt sie zusammenzuführen, einen solchen Machtmenschen können Ärzte und Psychotherapeuten nicht brauchen. Sein Wille zur Macht ist unübersehbar. Seine Befähigung zur Macht darf bezweifelt werden. Der "wild entschlossene" Baumgärtner verfügt weder über die Weitsicht und die Weisheit noch über das Augenmaß, um den Interessen der Ärzteschaft im Dialog mit der Politik und Gesellschaft in schwieriger Zeit zu dienen.

Baumgärtner hat einen guten Grund, sich selbst zu empfehlen: Es gibt viele gute Gründe, einen Baumgärtner nicht (mehr) zu wählen. Einer davon ist die Vernunft.


Der MEDI-Report Nr.6 berichtet mit Original-Dokumenten über den ersten Austritt einer Stuttgarter Fachärztin aus der heftig kritisierten MEDIS GbR.
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