Rote Karte für Baumgärtners Medi-Verbund

M E D I - R E P O R T S

MEDI-Report Nr. 1 vom 18.06.1999

Nach dem Eklat auf der ersten MEDI-Gesellschafterversammlung am 16.06.1999 ist hier ein öffentliches Diskussionsforum um das von den Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Nord-Württemberg (KÄV NW), den Dres. W. Baumgärtner und N. Metke, geplante Ärztekartell MEDI eingerichtet worden. Die MEDI-Reports analysieren die Risiken und Nebenwirkungen des MEDI-Projekts.

Als Löwe gestartet, um als Bettvorleger zu enden, Herr Dr. Baumgärtner ?

Von Dietmar G. Luchmann


Ärzte haben Angst. Und je konservativer und unflexibler sie sind, umso mehr scheint die Panik vor den Veränderungen im Gesundheitswesen und dem Honorarverfall sie ergriffen zu haben. Überdies plant die rot-grüne Regierungskoalition, die teilweise sehr selbstherrlichen Strukturen der Kassenärztlichen Selbstverwaltung mit der Gesundheitsreform 2000 zu beschneiden und zu professionalisieren. Dies war die Situation, die eine Gruppe um die Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Nord-Württemberg, den Allgemeinarzt Dr. med. Werner Baumgärtner und dessen Vize, den Orthopäden Dr. med. Norbert Metke, über den Machterhalt nachsinnen ließ: Das Produkt ist MEDIS - ein Stuttgarter Ärztekartell gegen Krankenkassen und Patienten.

Alle Ärzte sollten sich - anders als in den verschiedenen andernorts geschaffenen Praxisnetzen - unter Führung von Baumgärtner und Metke zu einem in Deutschland einzigartigen Verkaufskartell gegenüber Krankenkassen und Patienten zusammenschließen, beschworen die Vorsitzenden der KÄV Nord-Württemberg ihre Kollegen. Auf dem Nährboden der Angst vieler niedergelassener Ärztinnen und Ärzte um ihre Zukunft entwarfen Baumgärtner, der selbst als Plattmacher der Kassenpsychotherapie von sich reden machte, und Metke ein Horrorszenario, in dem die Politik rund ein Drittel der Praxen totmacht und die Krankenkassen Ärztinnen und Ärzte zu Dumpingpreisen einkaufen. "Niemand von Ihnen weiß, wer zu diesem Drittel gehören wird", das überflüssig sei, tönten Baumgärtner und Metke seit der ersten MEDIS-Informationsveranstaltung am 21.10.1998, die bereits als Gründungsveranstaltung bezeichnet wurde. Das Ärztekartell MEDIS werde ein Selbstläufer eiferten sie auf weiteren Veranstaltungen am 18.11.1998 und 23.03.1999: "Entweder die Krankenkassen und Patienten bekommen uns alle oder keinen", dröhnte es auf die teilnehmenden Ärzte ein. Befremden über die Seriosität des Projektes regte sich bereits bei Ärzten, die auf der ersten Informationsveranstaltung im Gebäude der Kassenärztlichen Vereinigung in Stuttgart am 21.10.1998 teilnahmen, sich lediglich in eine Anwesenheitsliste eintrugen und danach bereits als Mitglieder öffentlich vorgeführt fanden. "Etwa 420 Stuttgarter Ärzte und die Kassenärztliche Vereinigung (KV) haben sich zu einem Verbundnetz zusammengeschlossen, um die Patienten effektiver und besser versorgen zu können", verschaukelten Baumgärtner und Metke vor Monaten die Stuttgarter Zeitung (StZ), die die MEDIS-Presseerklärung noch arglos veröffentlichte. Doch die Glaubwürdigkeit zu verspielen und eine Kartell-Politik gegen den "Rest der Welt" aufzuziehen, wird auch innerhalb der Ärzte- und Psychologenschaft als kurzsichtig und unklug empfunden.

In einem Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung kritisierte der Psychotherapeut Dietmar G. Luchmann an MEDIS, "daß die Ärzte viel zu wenig an der Entwicklung des Konzeptes beteiligt worden seien: 'Es ist eine ganz kleine Gruppe, die das Konzept ausheckt, während die späteren Teilnehmer gar nicht eingebunden werden.' Werner Baumgärtner räumt ein: Andere Ärzte hätten ebenfalls den Vorwurf erhoben, Medis sei zu zentralistisch. 'Aus dieser Kritik haben wir gelernt', so Baumgärtner. Die Besprechungen stünden seitdem für alle Mitglieder offen", versicherte Baumgärtner in einem Bericht der StZ vom 07.06.1999 (siehe den Artikel in der Presseschau). Baumgärtner gestand gegenüber der StZ ein, daß MEDIS bei weitem nicht bei allen Ärzten ankommt und nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch aus der Ärzteschaft die fundierte Kritik am Konzept von MEDIS und an seinem und Metkes Führungsstil wächst. Von den vor Monaten der StZ noch ins Hemd geschobenen 420 beigetretenen Netzaktivisten sollen nach einem Bericht der StZ am 18.06.1999 laut Metke in der am 16.06.1999 als erste Gesellschafterversammlung bezeichneten Zusammenkunft nur noch "366 Ärzte definitiv ihre Teilnahme erklärt" haben. "Die Mitgliederentwicklung sei 'stürmisch' ", bewertete der KÄV-Vize Metke daraufhin gegenüber der StZ am 18.06.1999 diese Zahlen. Von der Zweidrittel-Mehrheit der Stuttgarter Ärzteschaft, die an diesem Kartell nicht teilnimmt, sprach Metke auf der Zusammenkunft hingegen abfällig von "Restärzten", die sehen würden, was sie davon haben.

Nun, vielleicht haben die "Restärzte" - wie der KÄV-Vize sie "liebkoste", nachdem es Baumgärtner nicht gelungen ist, sie mit einem Horrorszenario "einzufangen" - immerhin soviel davon, daß sie sich nicht zum Gespött machen, denn Angst ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber. Und zu denjenigen, die bei einer Professionalisierung der Kassenärztlichen Vereinigung etwas zu verlieren haben, sind wohl in erster Linie Baumgärtner und Metke mit ihren gut dotierten Vorstandsjobs zu zählen. So räumen Beobachter dem erst 1997 gewählten KÄV-Vorsitzenden inzwischen deutlich verringerte Chancen auf eine Wiederwahl ein.

Teilnehmer dieser ersten MEDIS-Gesellschafterversammlung am 16.06.1999, auf welcher der zunächst von Baumgärtner in persönlicher Ansprache als Gast begrüßte und zum Gespräch eingeladene Psychotherapeut Dietmar G. Luchmann von Baumgärtner selbst unvermittelt wieder herausgeworfen wurde, haben sich inzwischen gefragt, ob sie an einer Posse teilnehmen: In seiner Eröffnung begrüßte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Werner Baumgärtner den Psychotherapeuten Dietmar G. Luchmann als Gast und führte mit Blick auf die im Vorfeld von verschiedenen Seiten geäußerte Kritik an seinem zu zentralistischen Praxisnetz aus: „Zu Vorwürfen, wir wollen irgend jemand ausschließen, sage ich: wir wollen niemand ausschließen“. Nach Beendigung seiner Eröffnungsrede, er hatte sich inzwischen gesetzt, erlag Baumgärtner überraschend dem Impuls, in Gegenwart von etwa 300 Teilnehmern sein Verständnis von Demokratie, Offenheit und Gesprächsbereitschaft zu demonstrieren. Der soeben noch mit vier weiteren Gästen begrüßte Psychologische Psychotherapeut, der in der Stuttgarter Zeitung vom 07.06.1999 von Baumgärtner selbst eingestandene Mängel kritisiert hatte und ordentliches Mitglied der Kassenärztlichen Vereinigung Nord-Württemberg sowie Inhaber des ABARIS Systemhauses für Datentechnik, Medizinische Informationssysteme und Internet Services ist, wurde von diesem in einer offensichtlich emotionalen Aufwallung unter Hinweis auf seine Äußerungen in einem Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung unvermittelt des Saales verwiesen.

Ich denke, sie haben soeben auf eindrucksvolle Weise ihr Demokratieverständnis vorgeführt“, waren die einzigen Worte, die der in eigener Praxis in Stuttgart tätige Kassenpsychotherapeut und Kritiker von Baumgärtners autoritärem Führungsstil und Ärztekartell an diesem Abend äußern konnte. Der von Baumgärtner mit der EDV-Vernetzung beauftragte Rainer Herrmann kommentierte als weiterer Gast den Rauswurf an diesem Abend mit den Worten: „Ich bedaure, daß Herr Luchmann nicht mehr da ist, denn er weiß wenigstens, was er nicht will“, wurde später von Teilnehmern berichtet, die zum Teil bereits vor dem Schluß die Zusammenkunft verließen, weil in der Einladung aufgeführte und vorgesehene Tagesordnungspunkte und  Satzungsänderungen, die den Psychologischen Psychotherapeuten den Beitritt zu MEDIS ermöglichen und der Kritik an der zentralistischen Struktur von MEDIS Rechnung tragen sollten, kurzerhand von Baumgärtner abgesetzt worden waren. „Wir wollen an diesem Abend erste wichtige Entscheidungen treffen und die können nur von denen getroffen werden, die sich für eine neue Zusammenarbeit entschieden haben“, schrieb Baumgärtner in der persönlichen Einladung zur Gesellschafterversammlung. Offensichtlich aber ist so an diesem Abend nur eine „wichtige“ Entscheidung getroffen worden, nämlich den von Baumgärtner zuvor als Gast begrüßten Psychotherapeuten hinauszuwerfen.

 „Wenn Baumgärtner von Offenheit spricht, wo er Herrschaft versteht, und mit einer Gesprächseinladung einen Rauswurf meint, dann kann ich eine sachliche und differenzierte Position zum Pro und Kontra des MEDIS-Praxisnetzes für Kollegen und die Öffentlichkeit leider nur ins Internet stellen. Pikanterweise hat Baumgärtner in seinem Ärgeranfall vor allen MEDIS-Teilnehmern am 16.06.1999 genau das empfohlen.
Seit dem 18.06.1999 steht deshalb ein Web-Server meines Systemhauses unter der Adresse
www.medi-s.de als Plattform für die öffentliche und sachliche Diskussion um MEDIS zur Verfügung
", erklärte der Internet-Profi Luchmann in einer Pressemitteilung.

Die Verantwortung für das an Glanz verlorene MEDIS soll nun Baumgärtners Vize, der Stuttgarter Orthopäde Metke, übernehmen, der sich darin gefällt, von den regionalen Ärzteführern wie zu den Zeiten der Sandkastenspiele als "Häuptlingen" zu sprechen. Baumgärtner zieht es nach eigenem Bekunden vor, seinen gutdotierten Job als Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nord-Württemberg zu behalten – zumindest so lange die Wahlperiode dauert oder es die KÄV noch gibt. Wenn die Krankenkassen eines Tages mit tüchtigen Ärzten individuelle Verträge machen wollten, könnten sie es einfach haben: Jenes Drittel der Stuttgarter Ärzteschaft, das sich von Baumgärtners und Metkes Horrorszenario aus Angst, allein nicht gut genug für den Gesundheitsmarkt zu sein, in den MEDIS-Topf hat ziehen lassen, wird dort nach der eigenen Satzung (wenn diese nicht noch geändert wird) bis in das Jahr 2003 schmoren dürfen, während die Krankenkassen mit den tüchtigen Ärzten, die ihr eigenständiges Denken und ärztliches Handeln nicht einem Kartell überantwortet haben, ihre Verträge abschließen könnten. Man wird unter dieser Führung auf die ersten Austrittsversuche aus dem Ärztekartell vielleicht nicht lange zu warten brauchen - Baumgärtner und Metke haben das Drittel, das sie als Horrorszenario zeichneten, möglicherweise selbst definiert.

Der MEDI-Report Nr.2 analysiert die Gefahren des MEDI-Konzeptes für die Ärzte und die Öffentlichkeit.
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